„Na Amen, arme Elly Ney
Applaus und Krawall um die Pianistin — Bonn will sie nicht Bonn
Zwanzig Minuten lang währte der Applaus in der Stadthalle von Bad Godesberg, die Zuhörer trampelten, das Orchester stand Instrument, bei Fuß. Die weißhaarige alte Dame auf dem Podium streute mit verzücktem Lächeln Blumen aus Frühlingssträußen, von denen sie eingerahmt war, unter ihre Verehrer: Elly Ney, Ludwig van Beethovens Verkünderin auf Erden, hatte sich an Bonn gerächt und das enthusiasmierte Heer ihrer standhaften Bewunderer neu formiert.
Die musikalische Zeremonie in Bad Godesberg spielte sich auf Tag und Stunde genau 138 Jahre nach dem Ableben des Bonner Komponisten ab. Zu Beethovens Todestag wollte die 82jährige Pianistin ursprünglich in Bonn ihrem Meister auf den Tasten dienen, aber Unfaßliches ereignete sich und vertrieb die greise Künstlerin aus der Stadt ihrer einstigen Triumphe. Mit einem Gelöbnis auf den Lippen zog Elly Ney in fremdstädtisches Künstler-Exil: „Ich gehe nie wieder nach Bonn. Lieber spiele ich im Gefängnis. Da sind die Menschen nicht so anspruchsvoll."
Der Bannstrahl Elly Neys gilt der Bonner Stadtverwaltung, speziell aber dem Kulturdezernenten Dr. Schroers und dem Bonner Generalmusikdirektor Volker von Wangenheim. Der Beamte und der Dirigent haben sich verschworen, das traditionelle Beethoven-Fest, das im September zum 25. Male stattfindet, ohne Auftritt für Elly Ney zu planen. Kaum war das vorläufige Programm des Beethoven-Festivals publik geworden, da schlug die Empörung älterer Ney- Fans hohe Wellen. Ein Beethoven-Gedenken ohne aktive Teilnahme Elly Neys schien den unentwegten Anhängern der Pianistin unerträglich und brüskierend zu sein.
Nie wieder...
Elly Ney, die in einer Fabrik in Tutzing mit einer Sekretärin wohnt, reagierte schnell und unerschrocken: Sie sagte das Todestagskonzert in Bonn mit dem Chur Cölnischen Instrumentalensemble ab und drohte, in der ungastlichen Stadt nimmermehr aufzuspielen. Entschuldigungen und Erklärungen der Stadt und des Generalmusikdirektors verschlimmerten die Fehde noch. Volker von Wangenheim sagte nämlich, Elly Neys Mitwirkung beim diesjährigen Beethoven- Fest sei gar nicht erörtert worden; die auf lange Sicht angelegte Konzeption der Veranstaltung habe eine Verpflichtung der Künstlerin ausgeschlossen.
Der Dirigent, dessen Tätigkeit Bonn internationale Geltung wenigstens im musikal.schen Bereich verschafft hat, drückte sich noch deutlicher aus: „Den Bonnern ist die Beethoven- Interpretation der von mir nach wie vor hochgeschätzten Frau Professor Elly Ney durch zahlreiche Konzerte bereits vertraut, so dafi wir einem anspruchsvolleren Publikum nichts Neues bieten können." Auch müsse doch verständlich sein, „daß man der Künstlerin ein Konfronderen ihrer Beethoven-Interpretation mit den jungen Interpreten der neueren Zeit ersparen welke".
Auf dem Fest im Herbst werden Beethovens Werke vor allem durch die Pianisten Wihelm Kempff, Friedrich Gulda, einem Interpreten auch des konzertanten Jazz, und durch Chudio Arrau geboten. Kulturdezernent Dr. Sdroers äußerte derb-mitleidig: „Wer heute tbend Claudio Arrau hört und morgen Elly Ney, der kann nur sagen: ,Na Amen, arme Elly Ney!'"
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- Quelle DIE ZEIT, 09.04.1965 Nr. 15
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