Von Joachim Kaiser

Zum großen Künstler gehört die Aura. Sie umgibt ihn, wenn er einsam aufs Podium tritt. Sie ist eine Summe aus Ruhm, Mißverständnissen, Vorurteilen, Erinnerungen, Informationen, Erwartungen. Das Publikum macht sich gern ein „Bild“ von einer öffentlichen Person. Es erinnert sich an Wunderkinder-Anfänge, glaubt die Spezialitäten eines Künstlers zu kennen, läßt sich beeinflussen durch extrem positive oder extrem negative Kritiken.

Für den Künstler mag der Gedanke an einen solchen Erwartungshorizont beruhigend, aber auch erschreckend sein. Wenn er sich darauf verlassen kann, daß man ihn schon oft gehört hat, daß man ihn schätzt, daß man ihm vertraut, dann weiß er, daß sich aus der Erwartung Autorität ableitet, aber auch ein hoher Anspruch.

Mitunter wird die Erwartung freilich auch zur Fessel. Zum Beispiel: wer sich als Liszt-Spieler einen Namen macht, dessen Bach-Interpretationen dürften kaum mehr ernstgenommen werden, und selbst der gelehrte Hinweis nützt da wenig, daß etwa Liszt selber ein glühender Bach-Verehrer war oder daß der Thomas-Kantor Karl Straube sich nicht nur mit Johann Sebastian Bach beschäftigte, sondern auch die Orgelwerke von Franz Liszt edierte.

Das Publikum ist also treu und grausam. Wenn es einen Interpreten liebt, dann verzeiht es ihm manches, manchmal allzu vieles. Gleichwohl ist es auch bereit, neue Moden mitzumachen und sich abzuwenden, wo es gestern noch klatschte. Es neigt schließlich dazu, einem Künstler vorzuwerfen, daß er nicht hält, was er versprochen hat oder was man sich von ihm versprochen hat. In solchen Augenblicken gedeiht die kennerhafte und maliziöse Redewendung vom „Nicht-mehr“. Die Stimme habe keinen Schmelz, der Geigenton keine Kraft, der Pianist keine Originalität mehr ...

Natürlich besteht immer eine schwer beschreibbare Spannung zwischen der Aura, die einen Künstler umgibt, und der schwer vorstellbaren, gewissermaßen abstrakten, reinen Erscheinung seines Spiels. Allein diese Spannung ist notwendig; denn ein gewisses Maß an Nicht-Kalkulierbarkeit, an Unbestimmtheit, an Risiko und Glück gehört zum lebendigen Musizieren.

Svjatoslav Richter hat sich gegen gigantische, sagenhafte, von kulturpolitischer Hysterie noch gesteigerte Gerüchte, ja gegen eine fast uneinholbare Aura durchsetzen müssen. Der Name Svjatoslav Richter war schon ein Begriff, als weder in Westeuropa noch in Amerika irgend jemand diesen Pianisten gehört hatte. Auch Schallplatten kannte, man zunächst kaum. Während die russischen Behörden Richter die Ausreise in Länder jenseits des Eisernen Vorhangs versagten, wuchs aber sein Gerüchtruhm. Wenn etwa der glänzende Emil Gilels für sein brillantes Spiel gelobt wurde, dann gab er zur Antwort, er freue sich zwar über solches Lob, doch jener Svjatoslav Richter hinter den Bergen spiele noch tausendmal besser als er. War das nur kokette Bescheidenheit?