Wem es wirklich passiert ist – dem bayerischen Kultusminister Dr. Ludwig Huber, dem Reporter oder der Nachrichtenredaktion des Bayerischen Rundfunks –, bleibe dahingestellt. Jedenfalls hieß es in den Meldungen, der Minister habe vor einem Landtagsausschuß den Ankauf eines Degas verteidigt: 1,2 Millionen seien nicht zu viel Geld für das Bild. Huber sagte, laut Rundfunk, „auf Grund der Sachverständigengutachten sei der Preis angemessen“.

Also nicht „auf Grund“ der Kunst eines Degas, „auf Grund“ seiner malerischen Qualitäten, „auf Grund“ ästhetischer Sachverhalte ist das Bild sein Geld wert, sondern „auf Grund“ von Gutachten. Die Sachverständigen beurteilen nicht mehr nur den Wert eines Bildes (wie man annehmen sollte), sondern sie sind Grund und Ursache dieses Wertes: sozusagen wertschöpferisch.

Offenbar ist ein Bild ohne Gutachten nichts oder zumindest weniger wert. Und van Gogh hungerte, weil er keine Sachverständigen zur Hand hatte, die seine Bilder hätten wertvoll machen können.

Die Fehlleistung mit dem „auf Grund“ spricht Bände Kunstsoziologie: Man (wer?) betrachtet nicht mehr einfach ein Bild, um zu sehen, ob es schön und damit wertvoll sei, sondern wirft erst einen langen Blick in die Gutachten, um dann nach einem weiteren (vielleicht viel kürzeren?) Blick auf das Bild selber beruhigt davonzuschreiten im Bewußtsein, einem „echten“ Wert begegnet zu sein.

Wer weiß, wie bald wir es geschafft haben werden, die Kunst der Gutachten so zu vervollkommnen, daß wir die betreffenden Bilder überhaupt nicht mehr brauchen, daß wir bereits „auf Grund“ von Gutachten zu unseren ästhetischen Erlebnissen kommen. Wilhelm Höck