Von Erdmann Wingert

Mein besonderes Kennzeichen steht noch nicht im Paß, aber der Tag, an dem eine Behörde Verdacht schöpfen wird (denn darin sind Behörden schöpferisch), liegt gewiß nicht mehr fern.

Ich bin mündig, gesund, recht unbescholten, halte mich für normal und umgänglich; allein – ich kann nicht Auto fahren. Kolbenfraß, Vergaserbrand und Achsenbruch, all das sind für mich Flüche aus böhmischen Dörfern. Ich trinke auf Festen zu späten und fröhlichen Stunden keinen Apfelsaft und lobe das Gesetz, das Trunkenheit am Steuer mit Gefängnis bestraft. Man gewinnt damit nicht gerade Freunde, im Gegenteil; doch es fehlt mir nicht an Gründen für mein Verhalten, mehr noch, ich neige als Deutscher zum Grundsätzlichen und gestehe offen ein, was mich in meinem vollmotorisierten Vaterland besonders kennzeichnet: Ich will nicht Auto fahren können.

Ich bin, obwohl jung, gegen Autos. Ich halte Eisenbahnen für völlig ausreichende Verkehrsmittel, und die Frage, ob ich etwa die Zeit der Postkutschen herbeiwünsche, empfinde ich nicht als rhetorisch. Mit hundert Pferdekräften in den Tod zu jagen, erscheint mir nämlich ebenso unzeitgemäß, wie mit vier Rössern in den Graben zu kippen, und es sei ohn’ alle romantische Ironie gesagt, daß die Wiedereinführung der Postkutsche eine gute Gelegenheit böte, unsere sprichwörtliche Tierliebe mit allgemeiner Menschenliebe zu verbinden.

Es ist aus all diesem leicht zu ersehen, daß gerade ich, ein Mensch, der nicht pro domo spricht, geeignet bin, über eine Institution zu berichten, die „Auto-Anti-Schleuderschule“ heißt, die erste, bisher einzige Anlage ihrer Art in Deutschland. Sie soll die modernste Europas sein, so steht es – tomatenrot auf lindgrün – im Prospekt, den Franz Zagst, ihr Gründer, Besitzer und Leiter, herausgab. Man lernt dort in einem Tageskursus, der 140 Mark kostet, „richtig reagieren, wenn das Auto schleudert, richtiges Verhalten bei extremer Verkehrssituation, schnelles und sicheres Bremsen auf nasser und vereister Fahrbahn“.

Der Fachmann mag sich wundern, der Laie erschrickt. In den landläufigen Fahrschulen, in denen man einen Führerschein erwirbt, lernt man also nicht, wie man ein schleuderndes Auto richtig abfängt, man lernt nicht, wie man sich bei extremen Verkehrssituationen richtig verhält; schnelles, sicheres Bremsen auf nasser und vereister Fahrbahn wird also nicht als Bedingung zum Erwerb des Führerscheins vorausgesetzt, sondern einer Spezialschule ist es vorbehalten, diese Kenntnisse zu vermitteln.

Ich habe deshalb, bevor ich mit einem Freund, einem Autofahrer, zur Auto-Anti-Schleuderschule des Herrn Zagst fuhr, ein paar Fragen an meine motorisierte Umwelt gerichtet. Sie bildet gewiß keinen repräsentativen Schnitt durch die Gesamtheit aller Führerscheinbesitzer – es wäre dies ein sehr schmerzlicher Schnitt.