E. H., München

Wer in München ein Grundstück erwerben und ein Haus bauen will, richtet den Blick auf die südlichen Stadtteile. Harlaching und Grünwald, Isartal und Solln, Planegg und Gauting sind die Gegenden, wo „man“ wohnt. Eine dick gefüllte Brieftasche ist Voraussetzung. Nicht weniger günstig scheinen Beziehungen zu sein. Beziehungen etwa zum bayerischen Staat, der den Baulustigen zu einem wertvollen Bestandteil des weiß-blauen Freistaates erklären kann, womit die ersten Schritte getan wären, um ein Grundstück aus Staatsbesitz zu erwerben. Kein Untertan aber steht dem Staat näher als seine Beamten. So wird es nur als natürlich empfunden, daß Beamte und, wie der Volksmund sagt, „Großkopfete“ Grundbesitz erwerben können, wenn Grenzberichtigungen, Abrundungen oder andere Maßnahmen der staatlichen Forstverwaltung die Möglichkeit eröffnen, Wald in Bauland umzuwandeln.

Ein Kahlschlag im Kreuzlinger Forst bei Gauting lenkte die Aufmerksamkeit von Landschaftsschützern, Naturfreunden und Bürgern wieder einmal auf diese Praxis. „Wer kann dort schon bauen als Beamtenprominenz?“ lautet die wütend-neidvolle Reaktion in der Gemeindeverwaltung Gauting, wenn von den nach Ansicht des Bauamtes „kulant geförderten“ Unterlagen der neuen Bauherren die Rede ist. Fünf in der Nachbarschaft schon stehende Häuser weisen verwaltungsnahe Titelträger als Eigentümer auf: Studienrat, Forstrat, Oberregierungsrat, pensionierter Leiter eines Wasserwirtschaftsamtes. Der fünfte wohnt in einer Baracke und ist Waldarbeiter. Ihm war als erstem gestattet worden, zu siedeln, unter Hinweis auf soziale Gerechtigkeit und die brennende Wohnungsnot in seinem Berufsstand. Jetzt sind weitere zwölf Staatsgrundstücke zur Bebauung freigegeben worden.

Als Maßstab für die Verteilung des Staatsbodens gibt die Ministerialforstabteilung „Familienverhältnisse und Bedürftigkeit“ an. Es trifft sich so, daß diese Bedingungen anscheinend von solchen Bauherren am ehesten erfüllt werden, die dem Staat nahestehen. Die Ministerialbürokratie versichert, daß die geforderten Preise von beeidigten Sachverständigen festgelegt werden, daß nur mit innerem Widerstreben hier und dort „Fleckerln“ aus den Erholungsgebieten der Münchner zur Freigabe als Bauland in Frage kommen, daß eben alles in bester Ordnung sei.

Diesen Eindruck hat die Öffentlichkeit nicht. Aus dem Bereich der staatlichen Forstverwaltung in Bayern sind immer wieder anrüchige Vorgänge bekannt geworden, und das ungute Gefühl will nicht weichen, die Herren an der Quelle verteilten den kostbaren Boden nach Gutdünken.

Noch ist in der Erinnerung der Skandal um die „Forstvillen“. Beamte der Forstverwaltung hatten sich große Grundstücke für einen Spottpreis unter den Nagel gerissen und feudale Villen in München-Harlaching gebaut. Erst als der Oberste Rechnungshof einschritt, wurden milde Nachzahlungen auferlegt. Einem katholischen Siedlungswerk in Nürnberg wurden nach Aufhebung des Preisstopps derart günstige Preise an staatlichem Grund und Boden eingeräumt, daß der Erwerb für ein Butterbrot möglich war. Gleichzeitig wurde örtlichen Sportvereinen für gleichwertiges Gelände der Verkehrswert, der weit höher lag, abgefordert. Staatliche Wohnhäuser gibt es in vielen Großstädten Bayerns und, wie der Zufall so spielt, wohnen dort Beamte, die sich günstiger Mieten erfreuen.

Der bayerische Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Dr. Alois Hundhammer, bestreitet, daß Grundstücke aus Staatsbesitz bevorzugt an Beamte abgegeben würden. „Unter den Käufern darf ruhig einmal ein Kabinettsmitglied sein. Wir brauchen uns deshalb nicht zu genieren“, sagte er wörtlich. Das Genieren bei Grundstückskäufen haben sich Kabinettsmitglieder schon vor längerer Zeit abgewöhnt. Jetzt ist das an Lebensjahren und Dienstzeit jüngste Kabinettsmitglied an der Reihe, der baulustige Kultusminister Dr. Ludwig Huber.