Das Leben in Hamburg wird demnächst gefährlich, vor allem zu Hause. Wenn die Nachbarn es wollen und der Empfehlung ihres Senats folgen und zur Polizei laufen, kann es nunmehr geschehen, daß eine Party tausend und ein stillvergnügter Streichquartettabend fünfhundert Mark Buße kostet. Oder umgekehrt – denn es kommt darauf an, ob man die Geräusche auf solchen Veranstaltungen vorsätzlich oder fahrlässig erzeugt. Denn dem Hamburger Innensenat ist eingefallen, daß die modernen Bürger seiner modernen Stadt gegen moderne Erscheinungen der Zivilisation, nämlich den Lärm, besser geschützt werden sollen. Besser als je und – welch seltsamer Ehrgeiz – gründlicher als in allen anderen deutschen Bundesländern. Stolz auf solchen Fortschritt, darf dieser Senat auch stolz darauf sein, seine Bürger rechtzeitig einzuschläfern – bevor sie auf den Gedanken kommen, über die Anordnungen dieses Senats nachzudenken. Dieser Bürger hat sich nunmehr füglich um acht Uhr abends zur Ruhe zu begeben, denn dann beginnt ’demnächst Hamburgs Nachtruhe.

Ob es Zynismus oder Gedankenlosigkeit ist, da noch von den Musik-„freunden“ zu sprechen, obwohl sie gegängelt werden; ob es vernünftig oder schon lächerlich ist, von einer normalen „Bekämpfung gesundheitsgefährdenden Lärms“ zu reden – gleichviel. Sicher ist, daß die Sucht nach Perfektion zu einer unzumutbaren Belästigung des Bürgers durch den Staat zu werden dioht.

Abgesehen von den Einzelheiten dieser Verordnung, die der Hamburger Senat in Kürze zu erlassen gedenkt und die sich mit Lautsprechergetön auf Straßen, mit Teppichklopfen, Feuerwerksgeknall und ähnlichem beschäftigt – die Zumutung spielt sich in der Wohnung ab. Das heißt: jeder, der mittags von eins bis vier und nachts von 20 bis 8 Uhr Geräusche vom Nachbarn durch die staatlich gebilligten (und deshalb gemeinhin besonders schwachen und lautdurchlässigen) Wände vernimmt, der Hunde bellenoder jaulen, den Do-it-yourself-Mann von nebenan klopfen und sägen, die Nachbarin im Reihenhaus Kohlen schaufeln und heizen, einen Mitbewohner in der Wanne plätschern oder pfeifen oder trällern, die Kinder jubeln hört – egal, man ist befugt, zu protestieren und den Polizisten zu holen.

Der Polizist geht auch gegen die Kohlen- und die Müllmänner vor, wenn sie vor acht Uhr morgens erscheinen, und gegen die U-Bahn, wenn die Wagen quietschen (aber nur quietschen; ratternde Fahrgeräusche oder Pfeifsignale sind amtlich kein Lärm). Er untersagt Partys und Klavierspiel, Gelächter und Gesang wenn man’s durch die Wände hört. Und da so ziemlich alle Wände in so ziemlich allen vom Staate geförderten und mit allzu billigen Mitteln errichteten Häusern dünn sind, kann man auch sagen: Der Bürger büßt die Sünden seiner gewählten Obrigkeit.

Die erreicht wenigstens, daß die letzten Reste häuslicher Musikkultur ausgemerzt werden doch was sollen erst die Privatmusiklehrer sagen, denen man die Stunden stiehlt und die bisher schon keineswegs fürstlichen Einkünfte schmälert? Und schließlich folgt nun auch die Behörde jenen Leuten, die Kinderspiel als bösartige Belästigung empfinden, denn sie zwingt die Kleinen, nicht zwei, sondern drei Stunden stillzusitzen.

Wer hätte gedacht, daß man gegen den Lärmschutz Lärm schlagen muß. m. s.