/ Von Karl W. Boetticher

Unsere großen und mittleren Unternehmen haben in der Regel eine tüchtige Führungsspitze. Sie besteht heute nicht mehr aus dem Kaufmann, dem Techniker und dem Finanzmann, diesen klassischen Positionen eines Vorstandes. Neue Funktionen haben auch neue Verantwortungen hervorgerufen. Der Jurist und Steuerfachmann, der Organisator, der Mann der Marktstrategie, der Werbung und der „Public Relations“ sind solche neuen Verantwortlichen, denen man in der komplizierten industriellen Welt Hauptrollen in der Führung der Geschäfte einräumt. Eine Position aber hat an der Aufwertung von Funktionen nur in sehr geringem Maße teil: das Amt des Personalmannes ist bisher nur ausnahmsweise für würdig befunden worden, zu höchstem Rang und Stand zu kommen. Im Vor„stand“ unserer Unternehmen finden sich nur selten Verantwortliche für das Personal, das Führungspersonal und das Mitarbeiterpersonal.

Im großen und ganzen weiß ich jetzt, daß man offenbar in den meisten Fällen über die Notwendigkeit, die „Personalleute“ zu erhöhen, noch gar nicht ernstlich nachgedacht hat. Man sieht in ihnen bloße Routiniers, Verwalter, Anwerber, auch Vertreter vor dem Arbeitsgericht, nicht aber eine höchste, objektive Instanz des Personals insgesamt gegenüber der Institution „Unternehmen“.

Aber ich habe auch gehört, daß man so töricht doch nicht sein dürfte, sich freiwillig den „Arbeitsdirektor ins Fell zu setzen“. Hier ist also nur deswegen eine vernünftige Entwicklung blockiert, weil manche Leiter von Unternehmen von vornherein in Sachen Mitarbeiter vor dem gewerkschaftlichen Anspruch, die Arbeitnehmer zu vertreten, kapitulieren.

Freilich hörte ich auch von einem Generaldirektor, die Verantwortung „für den wichtigen, ja entscheidenden Faktor Arbeitskraft, oder besser für die Mannschaft“ sei eine Aufgabe, die er selber wahrzunehmen habe. Eine Rückfrage bei dem Hauptabteilungsleiter für Personal ergab dann allerdings, daß der Chef des Hauses selbst bei bestem Willen nicht über die Zeit verfügte, die nötig gewesen wäre, diese Funktion auch nur gelegentlich und am Rande zu erfüllen.

Nun kommt doch aber in den Sonntagsreden der Unternehmer nicht selten die hübsche Formel vor: „Der Mensch steht im Mittelpunkt des Betriebes.“ Dies Stereotyp läßt indes gleich den Verdacht aufkommen, daß nicht ernstlich gemeint ist, was gesagt wird. Der Satz ist so allgemein, so unverbindlich, daß sofort deutlich wird, wie wenig man über seinen Sinn nachdenkt. Wer die Wirklichkeit überprüft, sieht in den meisten Fällen, daß der Mensch, die Arbeitskraft, die Mannschaft eben nicht im Mittelpunkt steht.

Personalchefs seien heute nur deswegen wichtig, weil es kein Personal gäbe, sagte mir der Generalbevollmächtigte eines größeren Unternehmens, und er fügte hinzu, wenn die Vollbeschäftigung aufhöre, würde sich sehr schnell herausstellen, was tatsächlich im Mittelpunkt steht. Er sagte es auf meine Vermutung, das moderne Unternehmen sei ja wohl im Begriff, sich auch als eine gesellschaftliche, nicht bloß als eine wirtschaftliche Einrichtung zu verstehen und sich entsprechend einzurichten. Die Notwendigkeit einer solchen Auffassung sah er ein; doch war er skeptisch, ob man für derartige Einsichten mehr als eine kleine Minderheit gewinnen könnte.