Von Ludwig Marcuse

Bayern ist unter anderem eine Art von Nevada: Nicht, daß es eine Stadt wie Reno hätte, wo man schnell und schmerzlos geschieden werden kann; aber es gibt in Bayern gleich vier (wenn auch bescheidenere) Las Vegas. Bayern ist bekanntlich das einzige deutsche Bundesland, in dem Spielkasinos vom Staat betrieben werden: in Bad Reichenhall, Bad Kissingen, Bad Wiessee. und Garmisch-Partenkirchen.

Das sollte aufhören. Jedenfalls hatte der bayerische Senat es beschlossen: mit 27 gegen 14; 4 sagten nicht Ja und nicht Nein. Die Majorität aber hielt hoch das Panier der Moral. „Wir in Bayern wollen unser Haus reinhalten.“ „Auf den Spielbanken ruht ein Fluch.“

Im Landtag dann ging die Kampfabstimmung umgekehrt aus: 107 Abgeordnete für und 53 gegen die Spielbanken; 15 Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Die Mehrheit meinte, der bayerische Staat könne in seiner jetzigen Lage „auf keinen Pfennig verzichten“ ... und es handelt sich nicht nur um Pfennige, sondern um 14,35 Millionen jährlich.

Der Spielbetrieb laufe seit der Übernahme durch den Staat – „korrekt“; vorher scheint er also weniger korrekt gelaufen zu sein, was einem moralischen Plus zugunsten des Staates gleichkommt. Ohne die 14,35 Millionen würden jährlich tausend Wohnungen weniger gebaut werden können ... unverkennbar ein moralisches Minus. Auch ist es beruhigend zu hören: es könne keine Rede davon sein, daß das ganze Bayernvolk von der Spielleidenschaft erfaßt worden sei; und das Ansehen der betroffenen Badeorte habe keineswegs durch die Existenz der Spielkasinos gelitten.

Vielleicht sogar gewonnen? Ich wohne zehn Minuten von einer staatlichen bayerischen Spielbank. entfernt – und kann feststellen: erstens, daß dieses Etablissement das einzige ist, das unabhängig von der Saison floriert. Zweitens möchte ich noch hinzufügen, daß der moralische Zustand unseres Badedorfs prima ist. Vielleicht auch, weil ein guter Landesvater angeordnet hat, daß die Heimischen im Umkreis von zwanzig Kilometern keinen Zugang zum Roulette haben. Das Nest wird reingehalten.

Mehr als die bayerische Politik interessiert mich die moralische Kasuistik. Der ewige Kampf gegen die Spielbank, das Spielkasino richtet sich in Wirklichkeit gegen die Spielhölle, in der die sündigen Spieler braten. Weshalb eigentlich? Weshalb ist das Roulette ein Möbel des Inferno? Zu den klassischen Sieben Todsünden: Stolz, Geiz, Völlerei, Wollust, Trägheit, Neid, Zorn ... gehört das Glücksspiel nicht. Wie kam es, daß man in ihm eine Sünde entdeckte?