Der Einzelhandel ist im Begriff, der Landwirtschaft den Rang abzulaufen. Die Lautstärke seiner Klagen und die Forderungen an den Staat sprechen eine deutliche Sprache.

Existenzfurcht beherrscht weite Kreise des gewerblichen Mittelstandes. Die Gefahr der politischen Radikalisierung ist gegeben. Das verkündete jedenfalls der Spitzenverband der Einzelhändler in der vergangenen Woche. Und forderte Politiker und Parteien unverblümt auf, sich mit den Wünschen der über vierhunderttausend Ladenbesitzer und zwei Millionen im Handel Tätigen auseinanderzusetzen.

Wenn die Regierung die Wahlen im Herbst bestehen will, muß sie die Forderungen des Handels erfüllen, meint dessen Interessenvertretung, sie muß der Konzentration und übermäßigen Expansion Einhalt gebieten, sie muß den Wettbewerb strenger reglementieren, hohe Einkaufsrabatte untersagen, Ladenmieten und Grundstückspreise niedrig halten, die Gewerbesteuer abschaffen, finanzielle Starthilfen und subventionierte Kredite gewähren. Und schließlich und endlich: die Altersversorgung der selbständigen Händler muß sichergestellt werden.

Was ist passiert, daß der Handel glaubt, zu Drohungen Zuflucht nehmen und in der Staatshilfe das Allheilmittel sehen zu müssen? „Kein Kraut der Selbsthilfe ist mehr gegen den massiven Kapitaleinsatz der großen Warenhauskonzerne und der Versandhäuser gewachsen“, hatte der Präsident des Zentral Verbandes des genossenschaftlichen Groß- und Außenhandels behauptet und die Großen der „systematischen Vernichtung Tausender selbständiger Existenzen“ bezichtigt.

Das sind harte Worte, nicht eben gerade weit von Demagogie entfernt. Sie geben noch mehr zu denken als die Forderungen des Handels selbst. Denn bislang haben die Warenhäuser in der Preispolitik oft Rücksicht auf die Kleinbetriebe genommen, wie der Konzentrationsbericht es belegt. Diese Töne passen aber auch schlecht in die Landschaft, die die Sprecher der Handelsorganisationen bislang zeichneten: wachsende Umsätze, erfolgreiche Selbsthilfe.

Wohl haben die Warenhäuser und Kleinpreisgeschäfte ihren Marktanteil in den letzten Jahren von sieben auf gut neun Prozent erhöhen können; doch auch die übrigen Geschäfte litten keine Not. Die Statistik jedenfalls besagt, daß sie nicht nur ihre Umsätze in zehn Jahren um 150 Prozent ausweiteten, sondern auch die Gewinne steigerten. Und der Marktmacht der Großen haben die Kleinen ihre eigene Marktmacht entgegengesetzt: Einkaufsvereinigungen wie die Edeka und Rewe setzen heute mehr um als ein Warenhauskonzern.

Gewiß haben es die Kleinbetriebe des Handels trotz der Hilfe ihrer Dachorganisationen schwerer als die Großen, den neuen Absatzformen der Discounter, der Supermärkte, der Einkaufszentren zu begegnen und sich auf die Selbstbedienung umzustellen. Sie stehen sicherlich auch gelegentlich vor Existenzfragen, wenn sich ein finanzkräftiges Warenhaus oder ein Filialbetrieb neben ihnen niederläßt. Denn ihre Kapitaldecke ist zu schmal, um die Konsequenzen zu ziehen, die die Marktwirtschaft dann verlangt: Sortimentsveränderung oder Standortverlegung