Von Werner Baecker

Norbert Mühlen: Die schwarzen Amerikaner, Anatomie einer Revolution; W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 220 Seiten, 9,80 DM.

Den größten Erfolg, den die Neger der Vereinigten Staaten bisher in ihrem Kampf um Gleichberechtigung erzielt haben, ist darin zu erblicken, daß man darüber sprechen kann.

Das weiße Amerika hat sich in der Vergangenheit gern gestattet, das „Problem“ ein wenig zu bagatellisieren, besonders im Umgang mit ausländischen Beobachtern. Sehen Sie, so etwa konnte man da oft hören, unsere Neger fahren schnittige Autos, sie haben Kühlschränke und sie besitzen Fernseh-Apparate. Nur unhöfliche Besucher des Landes haben sich laut darüber gewundert, daß in den Fernsehreklamen und in den Magazininseraten nie ein einziger Neger zu sehen war. Das ist inzwischen etwas anders geworden. Sorgfältig dosiert lassen die Reklamezentralen der Madison Avenue erkennen, daß die farbigen Bürger der Vereinigten Staaten dem allgemeinen Wohlstand nicht nur zuschauen dürfen, sondern auch einen gewissen Anteil an ihm haben. Es kommt also vor, daß in den Reklamen auf dem häuslichen Bildschirm eine farbige Dame vom Kopfschmerz befallen wird, gegen den das sichere Mittel XYZ empfohlen wird.

Leider läßt sich nicht berichten, daß den Amerikanern bis heute ein sicheres Mittel eingefallen ist, mit dem sich die chronischen Kopfschmerzen der Nation bekämpfen ließen, die die Negerfrage ständig verursacht. Norbert Mühlens klar gegliederte Bestandsaufnahme des amerikanischen Dilemmas kann einleuchtend beweisen, warum es in dieser Revolution keine schnellen Lösungen geben wird. Das weiße Amerika, richtiger, die öffentliche Meinung, findet sich erst seit dem Marsch auf Washington im Sommer 1963 langsam damit ab, daß sich die Dinge „irgendwie“ ändern werden.

Das Gesetz über die Bürgerrechte, das der Initiative des Präsidenten Kennedy zu danken ist, ist ganz gewiß ein großer Fortschritt. Aber in seiner Anwendung auf den amerikanischen Alltag schwingt immer noch das Echo auf die Goldwater-Parolen mit: Jedes Gesetz muß scheitern, das mit kühlem Verstand über die persönlichen Gefühle des Herzens bestimmen will. Der knüppelschwingende Polizist von Selma im Staate Alabama, der auf eine Negerin einschlägt, die sich um ihr Wahlrecht bemüht, ist immer noch ein Stück amerikanischer Wirklichkeit.

Soweit der Autor Mühlen die geschichtlichen Tatsachen registriert, ist seine Darstellung von hohem informatorischem Wert. Man kommt schnell dahinter, daß man die Negerfrage nicht mehr so sentimental betrachten kann wie die gute Harriet Beecher Stowe in ihrem Buch „Onkel Toms Hütte“, das 1851 erschien, und ganz gewiß auch nicht wie unser Zeitgenosse, der Neger-Schriftsteller James Baldwin, der von Haß und Existenzangst getrieben sogar in einem Gespräch mit dem gutwilligen Robert F. Kennedy nichts weiter entdecken konnte als Mißverstehen auf der Seite der Weißen.