Am 7. April um 00,30 Uhr mitteleuropäischer Zeit hat die Nationale Amerikanische Luft- und Raumfahrt-Behörde (NASA) den ersten kommerziellen und also „öffentlichen“ Fernmeldesatelliten – HS 303, genannt „Early Bird“ – vom Kap Kennedy in seine Umlaufbahn geschossen. Einen Tag darauf wurde er durch zusätzlichen Schub auf die endgültige Kreisbahn, 35680 Meter über dem Äquator, gelenkt. Early Bird wird 240 Ferngespräche zwischen Europa und den Vereinigten Staaten gleichzeitig übertragen können, fast so viel, wie die seit 1956 ausgelegten transatlantischen Telephonkabel (317) zusammen. Im Gegensatz zum Kabel kann der Satellit jedoch auch Daten und Fernsehsendungen zwischen, der Alten und der Neuen Welt nach beiden Richtungen übermitteln.

Kommerzielle Fernmeldeverbindungen über Satelliten bieten nicht nur technische, sondern auch organisatorische Probleme; denn ein weltumspannendes Satelliten-System erfordert eine Übereinkunft zwischen allen Staaten der Erde, die der Internationalen Fernmelde-Union angehören. Deshalb rief der Kongreß der Vereinigten Staaten schon 1962 mit einer von Präsident John F. Kennedy unterzeichneten Communications Satellite Act eine private, von der Regierung abhängige Nachrichtengesellschaft, die Communications Satellite Corporation (COMSAT) – mit einem Aktienkapital von 200 Millionen Dollar – ins Leben.

Sie sollte „in Verbindung und in Zusammenarbeit mit anderen Ländern so schnell wie möglich ein kommerzielles Nachrichten-Satelliten-System ... als Teil eines besseren, weltumspannenden Nachrichtennetzes“ schaffen. Im folgenden Jahr nahm COMSAT Verhandlungen mit den großen Nachrichtenverwaltungen der Erde auf, und am 20. August 1964 verpflichteten sich in Washington die Regierungen von zwölf Ländern und ihre Fernmeldeverwaltungen zu organisatorischer, finanzieller, technischer und betrieblicher Zusammenarbeit auf dem Gebiet eines weltweiten kommerziellen Satelliten-Fernmeldeverkehrs. Heute haben sich an dem Unternehmen unter Führung der COMSAT 45 Länder mit mehr oder weniger großen finanziellen Beiträgen beteiligt – die Bundesrepublik mit 6,1 Prozent; sie wird zunächst versuchsweise zwölf Sprechkanäle benutzen.

Alle einschlägigen Fragen werden von einem VorläufigenFernmeldesatelliten-Ausschuß(ICSC) behandelt, in dem die Delegierten der Verwaltungen Stimmrecht nach der Höhe der eingezahlten Anteile haben. Der Beauftragte der Bundespost in diesem Ausschuß, Oberpostrat Dipl.-Ing.

Ernst Dietrich vom Fernmeldetechnischen Zentralamt Darmstadt, hat im COMSAT-Haus, Washington D. C, 1900 L-Street, ein eigenes Büro.

Im Gegensatz zu den Versuchssatelliten „Telstar“ und „Relay“, die die Erde in einigen tausend Kilometern Höhe innerhalb weniger Stunden umkreisen und für die Erde-Funkstellen auf- und untergehen, wird der von der Hughes Aircraft Comp. für COMSAT gebaute „Early Bird“ – wie seine drei SYNCOM-Versuchsausführungen – in eine Höhe von 36 000 Kilometern geschossen, wo seine Umlaufzeit 24 Stunden beträgt. Der neue Satellit bewegt sich „synchron“ mit derselben Winkelgeschwindigkeit wie die Erde und scheint deshalb für die Erde-Funkstellen’ still zu stehen.

In der Rechen- und Kommando-Zentrale der COMSAT in Washington erscheinen alle für den Flug des Satelliten wichtigen Meßwerte, Zustände und Maßnahmen in Leuchtschrift auf einer riesigen Kontroll-Tafel: von hier aus erhalten auch die europäischen Erde-Funkstellen Goonhilly Down, Pleumeur Bodou und Raisting ihre Befehle, bis „Early Bird“ in etwa anderthalb Wochen nach einer Fernseh-Live-Übertragung herüber und hinüber den kommerziellen Fernsprechdienst übernimmt.

Gerhart Goebel