Man spricht noch nicht so gern darüber, doch scheinen die Würfel im Prinzip schon gefallen zu sein. Die Braun AG, Frankfurt, die erst im Januar 1962 aus der Max Braun oHG entstand, befindet sich eindeutig auf dem Wege zu einer echten Publikumsgesellschaft. „In kleinem Rahmen“ möchte Vorstandsvorsitzender Dr. Rudolf Gros einschränken. Noch sind erst etwa drei Millionen Mark Vorzugsaktien frei placiert. Das wäre die Hälfte der vorhandenen Vorzugsaktien, die sich zum Teil bei einer Schweizer Finanzgruppe und „mit einigen hunderttausend Mark“ auch bei der Familie Braun befinden.

Diese Familie, Mutter und die beiden Söhne Erwin und Artur, hat rechtzeitig erkannt, daß ihrer Finanzkraft Grenzen gesetzt sind. Das Geschäft florierte, auch in den Jahren der offenen Handelsgesellschaft. Doch 1960 und 1961 stagnierte der Umsatz. Er beharrte auf knapp über 100 Millionen. Da machte die Familie Braun den Sprung nach vorn.

Das erste Jahr als Aktiengesellschaft mit ausgewiesenen Eigenmitteln von etwa 19,5 Millionen brachte noch keine Offenbarung. Man wies einen Umsatz von 103,7 Millionen aus. Doch danach ging die Kurve steil nach oben. Für das Geschäftsjahr 1963 wurde ein Umsatz von 114,7 Millionen angegeben, der Konzernumsatz stieg durch Erwerb weiterer Beteiligungen von 108 auf 139 Millionen. Die Dividende wurde von 12 auf 14 Prozent erhöht.

Geradezu rasant sprang der Umsatz 1964 nach oben, und zwar bis auf 144,9 Millionen. Als Konzernumsatz gibt die Braun AG 173 Millionen an. Ihren Vorzugsaktionären bietet sie 16 Prozent Dividende. „Offen und stolz können wir sagen, auch die Ertragsentwicklung war gut“, beteuerte Dr. Gros. Und das war bescheiden ausgedrückt, Wenn schon im Vorjahr das Betriebsergebnis um 20 Prozent gestiegen war, so hat es sich im letzten Jahre wohl nochmals um ungefähr 40 Prozent verbessert. Die um 56 Prozent hochgeschossenen ertragsabhängigen Steuern deuten eine gestiegene Ertragskraft an.

Gewiß konnten die Manager der Braun AG – und es ist ein eigener Typ, so etwa eine Mischung aus solidem Europäer mit optimistischem Amerikaner – trotz Kostenerhöhungen und weiteren Investitionen, trotz höherer Vorräte und verstärkter Liquidität sogar noch die Verbindlichkeiten von 32,4 auf 25,5 Millionen abbauen. „Damit haben wir nun Luft, unsere nächsten Investitionen mit fremden Geldern zu finanzieren“, erläutert Gros diese Bilanztaktik. Gewiß wird in diesem Jahre, vielleicht auch im nächsten Jahre, noch keine weitere Kapitalerhöhung notwendig sein.

Doch Braun expandiert weiter. Nach den 27 Prozent Umsatzzunahme im Geschäftsjahr 1963/64 rechnet man im laufenden Jahr mit einer Umsatzexpansion von wenigstens 15 Prozent. Was bedeutet das für eine Aktiengesellschaft, die zwar 6 Millionen Vorzugsaktien frei anbietet, deren 18 Millionen Mark Stammaktien jedoch fast ausschließlich in Familienbesitz geblieben sind? Unausweichlich kommt auf die Braun AG die Entscheidung zu, eines Tages neues Kapital vom Markt zu fordern. „Wir hoffen, mit dem neuen Aktienrecht wieder etwas mehr Spielraum bei Vorzugsaktien zu gewinnen“, meint hierzu Gros. Doch auch er ist sich darüber im klaren, daß sich die freien Aktionäre auf die Dauer mit stimmrechtslosen „Vorzügen“ nicht zufriedengeben werden.

Es scheint, als sei auch dieser Gesellschaft, wie so vielen anderen Familienunternehmen in der Vergangenheit, das Schicksal vorgezeichnet, eine echte Publikumsgesellschaft zu werden.

Erich Bodendiek