Erich Ollenhauer. Ein großer Sozialist; arani-Verlag, Berlin; 133 Seiten, 16,80 DM.

In der Geschichte wird es immer mehr oder weniger ausgeprägt zwei Typen von Staatsmännern und Politikern geben: die anregenden Schöpfer neuer Ideen, die im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit die Entwicklung weitertreiben, und die stillen Ordner, die im Hintergrund das Neugewonnene befestigen und bewähren.

Zu dieser zweiten Art gehörte Erich Ollenhauer. Er war ein Mann ohne Glanz und Überraschungen, ein schlichter Bürger, der nicht mehr darstellen wollte, als er war. Seine Bedeutung lag in der seltenen Fähigkeit, die Aufgabe über die eigene Person zu stellen.

Ollenhauers Leben war von Anfang an eng mit der Sozialdemokratischen Partei verbunden. Er begeisterte sich für die sozialistische Jugendbewegung und bewies schon früh Organisationstalent und Verhandlungsgeschick. Doch seine wirklich großen Eigenschaften: Zivilcourage, unbedingte Treue den Menschen und der Sache gegenüber, stille Zuversicht und Tapferkeit kamen erst in der Emigration voll zur Geltung.

In den Jahren des Zusammenwirkens mit Kurt Schumacher und später als Vorsitzender der Partei erwarb er sich Vertrauen in allen Rängen seiner Partei. Dadurch vor allem konnte er entscheidend dazu beitragen, das Godesberger Programm in den eigenen Reihen durchzusetzen. Es ist Ollenhauers größtes Verdienst, die schmerzhafte Wandlung einer traditionsbelasteten Weltanschauungspartei in eine moderne Volkspartei ermöglicht zu haben, ohne daß die Partei darüber zerbrach. Er hat damit weit über die eigene Partei hinaus gewirkt.

Das vorliegende. Buch ist ein Sammelband. Es scheint, als hätten die Herausgeber fleißig und unkritisch alles zusammengetragen, was über Ollenhauer habhaft war: gute und weniger gute Aufsätze von sozialdemokratischen Kollegen und Freunden, gute und weniger gute – zum Teil fast komische – Photos, blumige Nekrologe, ja sogar Beileidstelegramme. Dieses eifrige Bemühen wirkt leicht übertrieben; man hätte nicht gar so sehr auf Vollständigkeit bedacht zu sein brauchen, um diesen Mann gebührend zu würdigen. Vieles unwichtige Beiwerk hätte fortbleiben oder eingeschränkt werden können; manche Phrase wäre besser ungedroschen geblieben. Selbst schlichter Unsinn fehlt nicht.

Paradoxerweise ist in dem Buch trotz dieses Sammelsuriums eine klare Linie zu erkennen, die durch Ollenhauer selbst gezeichnet ist: seine Anständigkeit und Zuverlässigkeit, seine Menschlichkeit bilden den Grundtenor aller Beiträge, so verschieden sie sind.

Die Vollendung seines Lebenswerks, die Bewährung der gewandelten Partei im Amt, steht noch aus. Noch ist die Mehrzahl der Wähler dem Godesberger Programm gegenüber mißtrauisch; man glaubt der Partei ihre Wandlung nicht recht. Ollenhauer hat Vertrauen in seiner Partei gefunden; jetzt ist es an der Partei, Vertrauen im Volk zu finden. Urte v. Kortzfleisch