k. m., Tübingen

Der neue Volksschulrektor der 3200 Einwohner zählenden Gemeinde Neckartenzlingen hat auf Wasser gebaut – nicht auf das verdreckte Abwasser des zwischen Tübingen und Stuttgart träge dahinfließenden Neckars, sondern auf die paar Tausend Liter des Wasserwerfers der baden-württembergischen Landespolizei. So heißt es in dem Bericht des Kultusministeriums über die Demonstration der Einwohner gegen die Amtseinsetzung des ehemaligen stellvertretenden NSDAP-Kreisleiters zum Rektor: „Im Laufe des Abends schien es dem Kommissariatsleiter geboten, die bereitgestellten auswärtigen Polizeikräfte heranzuziehen; sie konnten jedoch ohne Einsatz nach kurzer Zeit zurückgenommen werden.“

Der dreiundsechzigjährige Groß, den die Schulverwaltung noch zwei Jahre vor seiner Pensionierung aus dem nahen Linsenhofen herbeigeholt hatte, sollte gegen den Willen des Bürgermeisters, des Gemeinderates, des Elternrates, des evangelischen Geistlichen und der gesamten Bürgerschaft Rektor werden. So hatten es sich der Schulrat und ein Beamter des Oberschulamtes ausgedacht.

Die Schulverwaltung hatte der Gemeinde nicht, wie sonst üblich, drei Bewerber vorgeschlagen; angeblich gab es für die Rektoratsstelle in Neckartenzlingen nur einen geeigneten Anwärter. Obendrein war der Bürgermeister erst zwei Wochen vor der Amtsübergabe vertraulich von der Wahl unterrichtet worden. Dabei hatte man ihm noch nicht einmal den Namen des neuen Rektors nennen können; er war dem Oberschulamt damals angeblich noch gar nicht bekannt. Nur durch Zufall erfuhr die Öffentlichkeit, daß sich der Schulleiter von Linsenhofen verabschiedet habe, um in Neckartenzlingen die schon fast ein Jahr vakante Rektorstelle zu übernehmen. Neun der zwölf Gemeinderäte des Neckarstädtchens protestierten sofort; das Verhalten der Schulbehörden, so erklärten sie, verletze das Mitbestimmungsrecht der Gemeinde. Sie drohten mit ihrem Rücktritt, falls nicht nach gesetzlichen und demokratischen Regeln verfahren werde.

Wie immer in Baden-Württemberg, spielte auch in diesem Fall das konfessionelle Moment eine Rolle. Der ehemalige Kreisleiter hatte sich gar nicht so sehr als Statthalter der Nazis unbeliebt gemacht; schwerer wog, daß er damals aus der Kirche ausgetreten war. Dies war für den evangelischen Pfarrer der Stein des Anstoßes.

Auch die Bürger gaben keine Ruhe und wandten sich in Leserbriefen an die Zeitungen. Außerdem reichten sie nach einer Bürgerversammlung eine Petition bei ihren Landtagsabgeordneten ein. Aber nur ein Politiker, der FDP-Fraktionsvorsitzende Stock, nahm sich der Sache an und brachte im Landtag eine Anfrage ein. Er wollte wissen, warum das Oberschulamt den einmütigen Willen der Gemeinde mißachtet und nicht drei Bewerber vorgeschlagen habe. Außerdem wollte er wissen, ob man den neuen Rektor nicht wieder versetzen könne.

Die Antwort des Kultusministeriums war kläglich. Der Minister bedauerte, daß die Gemeinde nicht auf amtlichen Wege über die Besetzung der Rektorstelle unterrichtet worden sei und versprach, daß die Schulbehörde künftig den Gemeinden drei Bewerber nennen werde. Ob sich aber Neckartenzlingen mit ihrem Schulleiter abfinden muß, sagte er nicht. Kommentar des FDP-Fraktionsvorsitzenden Stock: Die FDP werde dem Fall weiter nachgehen.