Sie werden heute noch hergestellt, jene „Spielemagazine“, wie ich sie von meiner Jugend her kenne: flache, quadratische Holzschachteln, auf der linken Seite für Mühle, auf der anderen für Dame. Man konnte sie auseinanderklappen. Innen im Hohlraum war die Fläche in rote und schwarze Spitzen zum Rande hin aufgeteilt, Was damit anzufangen sei, wußte bei uns zu Hause niemand, nur, daß es ein Puffbrett war, erfuhr ich. Wir erfanden dafür eine eigene Methode. Wahrscheinlich regte uns der Name phonetisch an: die Damesteine wurden auf die Spitzen gesetzt, dann zurück gegen den Rand geschnellt, auf daß sie, zurückprallend, einen gegnerischen Stein trafen, der dann als geschlagen galt.

Daß das Spiel nicht so geht, erfuhr ich erst kürzlich. Es ist so gut, daß man es auch bei uns von seinem Dornröschenschlaf erlösen sollte. Es war schon um 800 v. Chr. in der arabischen Welt als „Nerdshir“ groß in Mode und wurde auch von den Römern gern gespielt. Auch heute noch ist es in acht Variationen auf der ganzen Welt bekannt. Wer will, entdeckt es wieder in der – das Wort sei gewagt – schönsten Spielesammlung der letzten Jahrhunderte;

Erwin Glonnegger: „Schöne alte Spiele“, Otto Maier Verlag, Ravensburg; Edelkarton mit zwei Triplespielplänen, einem Satz Schachfiguren, 32 Damesteinen, sechzehn gedrechselten Kegeln, zwei beinernen Würfeln, einem gebundenen Regelbüchlein (127 Seiten) Nr. 12 022 für zwei bis vier Personen; 22,50 DM.

Der Deckel zeigt den Marktgrafen Otto mit dem Pfeil von Brandenburg beim Schachspiel (Manessische Handschrift, 14. Jahrhundert, Zürich), Die Pläne gestaltete Manfred Burggraf nach Originalen aus dem Bayerischen Nationalmuseum. Einer ist schöner als der andere – kaum traut man sich darauf zu spielen. Was beweist, daß es Zeiten gab, in denen das Spiel noch in eine Gesamtkultur eingebettet war und nicht, wie heutzutage, nur ein Außenseiter, um den sich gestalterisch meist nur Leute kümmern, die zu wissen meinen, was sich verkaufen läßt. So reicht es nicht einmal zu einer Afterkunst von der abstrusen Liebenswürdigkeit einer Zirkusdekoration.

„Schöne alte Spiele“ sind der Grundstock’ für Spieler: Schach, Dame, Puff, Mühle, Glückshaus, Seefahrt und Pächisi. Wer diesen Fundus noch nicht hat, dem sei er allerwärmstens ans Herz gelegt. Schon wegen des Büchelchens. Nicht weniger als dreizehn Arten von Dame bietet Erwin Glonnegger, der Lektor des Verlages, dem diese köstliche Ausgabe zu danken ist, an. Außerdem noch kulturhistorische Details. Zum Beispiel, daß „Mensch ärgere dich nicht“ eines der ältesten Spiele der Menschheit ist. Es hieß „Pachisi“, und der indische Kaiser Akbar spielte es in Lebensgröße auf eingelegtem Marmor. Natürlich nicht selber, dafür hatte er seine Leute: Sechzehn niedliche Sklavinnen fungierten als Spielfiguren. Man erblaßt vor Neid, sieht man sich auf kümmerliche Halmakegel zurückgeschlagen.

Überhaupt kann man sich in dem Büchlein festlesen, zumal in seine ersten dreißig Seiten. Sie zeigen Faksimiledrucke aus: „Die Kunst, die Welt der Spiele mitzunehmen in den verschiedenen Arten der Spiele, so in Gesellschafften höheren Standes üblich sind“, bei Georg Bauer, Wien, 1756, Und da bleibt weiter nichts mehr, als ein bißchen zu zitieren, denn wann wäre in der Zwischenzeit Trefflicheres über Spiel und Spieler geschrieben worden:

„Man kann von der Moralität und dem Nutzen der Spiele nicht ofte genug reden, theils, weil es noch immer finstere Weltweisen giebt, die dem Menschen alles Vergnügen misgönnen und folglich auch die Spiele gänzlich verwerfen wollen; theils weil wir auch immer noch Leute haben, welche sich zwar von dem Spielgeiste treiben lassen, aber den moralischen Nutzen der Spiele nicht bemerken, und sich demnach selbsten, so wie ihre Spiele verwerflich machen. – Wir müssen bisweilen wider unsern Willen Gesellschafften besuchen, in welchen mit unnüzzen Reden, Lästern des Nächsten und anderen Gottlosigkeiten und Narrenpossen die Zeit auf die unverantwortlichste Weise verschwendet wird: wenn wir unserer Pflicht nachleben, und unsern Gesellschaftern ihr Vergehen und ihre Versündigung vorstellen wollen, so werden wir lächerlich wenn wir uns nun Ehren- oder anderer Umstände halber von der gleichen Gesellschafft nicht entfernen könen, so ist kein anderes Mittel übrig unsern Pflichten ein Genügen zu leisten, als daß wir die Gesellschafft zum Spiele ermuntern: gesetzt es versündigen sich die Mitspieler, und haben eine unächte und geizige Absicht, so haben wir doch aus zweyen Uebel das kleinste erwählet, und daß ich so rede, unsre eigne Seele gerettet.“ Eugen Oker