R. H., Hamburg

Wie ein überdimensionales Berliner Zimmer wirkt das Lokal „Atlantis“ am Spielbudenplatz, einem Abschnitt der Reeperbahn auf St. Pauli. Wo im Berliner (Durchgangs-)Zimmer der Erker mit den Fenstern zum Hinterhof liegt, ist hier im leicht erhöhten Erker die Zigeunerkapelle placiert, die brave Weisen fidelt. Der Raum ist mit vielen Sesseln in sanftem Grün und Rot eingerichtet. Die Gäste sollen es gemütlich haben, wenn sie unter rosa-sanftem Licht aus dem Deckenoval einen Pommery zu fünfundfünfzig Mark oder schlicht einen Whisky zu acht Mark trinken. Unter diesem Preis ist nichts zu haben, ob Rumgrog oder Likör.

Aber diese Preise werden ja auch nicht für die Musik allein bezahlt oder für die gepreßte Tapete, nicht für die rötlich beleuchteten Prachtgemälde mit Hochgebirge, weiter See und Segelschiffen unter Vollzeug. Attraktion des Lokals ist, was durch die ganze brave Gemütlichkeit erst richtig wirken kann, der „Bunny-Club“, die lebensgroßen Hasen-Mädchen ohne Vollzeug. Sie servieren den Gästen, die dann Gelegenheit haben, sie ganz aus der Nähe zu sehen.

Auf dem Kopf tragen die „Hasen“ Hauben in Form langer Ohren. Man darf es sich hier versagen, gut weidmännisch von Löffeln zu sprechen, denn die Jagd auf die Häschen hier ist nicht frei, jedenfalls in der Dienstzeit nicht. Die langen Ohren sind aus weißem Atlas genäht, demselben Material, aus dem die knappe Corsage gemacht ist, die vorn soviel bedeckt wie ein trägerloser Badeanzug, hinten dagegen nur die knappe Mitte des Teiles, der zum Sitzen gebraucht wird. Viel Stoff hat der Gewandmeister des Operettenhauses, der die Kostüme entwarf, an dieser Körperstelle gespart. Aber er hat nicht vergessen, daß Hasen dort haben, was der Jäger die Blume nennt, ein kleines Pelzschwänzchen. Das tragen die Damen ganz individuell, fest angenäht aufrecht oder so, daß es wippend ihren Bewegungen folgt, wenn sie auf mittelhohen Absätzen in die entfernten Lokalgründe entschreiten, um die bestellten Getränke zu holen. Die Gäste, Leute, die vielleicht gekommen sind, um sich zu wundern, sehen nicht immer hinter ihnen drein. Sehr rasch werden die „Hasen“ ein Teil der braven Atmosphäre.

Es ging auch nicht um die Häschenmoral, als jetzt das Verwaltungsgericht dazu beitrug, daß vom „Bunny-Club“ in allen Zeitungen zu lesen war. So frei will selbst die reinigende Behörde St. Pauli bleiben lassen. Man ist ja nicht kleinlich. Es ging vielmehr um den Pächter des neu eröffneten Betriebs. Er hatte einen bedenklichen Ruf und sollte keine Konzession haben. Eine Frau, die das Lokal führte, war als seine Strohmännin erkannt worden. Beide klagten, beide wurden vom Verwaltungsgericht abgewiesen. Sie wollen ihre Sache nun beim Oberverwaltungsgericht durchfechten.

Die Häschen aber wurden nicht am Auftritt gehindert, nicht einen Tag. Kaum hatte die Krise begonnen, war nämlich der Oberpächter des Pächters erschienen, der noch die Lizenz selbst besitzt, und hatte die „Häschen“ in eigene Regie übernommen. Ein seriös in Dunkelblau gekleideter Empfangschef vertritt ihn nun.

Ein goldenes Kreuz am Halskettchen, trippelt auffallend graziös das schmälste „Häschen“ an unseren Tisch. Es stammt aus Wien und hat, wie es erzählt, am „Theater in der Josephstadt“ getanzt. „Im Ballett“, sagt sie anfangs. Aber als eine Mithäsin, die auch aus Wien stammt, sich darüber wundert, benennt sie es um in Revue. Im Herbst will sie zurück zum Theater. Hier hofft sie inzwischen gut zu verdienen. Noch weiß man nicht, wie die Hasenidee, made in USA, hier einschlägt. In Frankfurt und München soll sie florieren.