In Frankreich ist die Idee, aufgekommen, den Fremdenverkehr mit einem Wettstreit des Lächelns zu fördern, und zwar so: Der Fremdling erhält das Recht, jedem Angehörigen des Fremdenverkehrs – Gewerbes, von dem er sich besonders höflich behandelt fühlt, einen Scheck, ein Zeugnis auszustellen. Derjenige, der dann die meisten Schecks in seinen Besitz bringt, hat gewonnen.

So gut uns diese Idee im ersten Augenblick vorkommen mag – im zweiten Moment zeigen sich gewisse Nachteile.

Wen hat es nicht schon in früher Jugend geärgert, wenn er erfahren mußte, daß die anderen Kinder in der Klasse immer wieder das übten, was sie sowieso schon konnten? Wenn nur die mathematisch Unbegabten in ihren Mußestunden Mathematik betrieben hätten! Aber nein, es waren die Begabten, die sich auch außerhalb der Klasse mathematisch vergnügten, so daß ihr Abstand zu jenen, die hier nur durchschnittliche oder gar keine Leistungen vollbrachten, nur noch vergrößert wurde.

Ergo: Was soll ein Höflichkeits-Wettbewerb in Frankreich? Er ist nur geeignet, den Abstand zu uns Deutschen größer zu machen.

Die Franzosen schlagen in puncto Höflichkeit ohnehin alle Nationen der Welt, abgesehen vielleicht von den Polen, Dänen, Griechen. Es mag Völker geben, die mehr Herzlichkeit, mehr Sinn für Gerechtigkeit, mehr nationale Bescheidenheit aufbringen. Aber in der Tugend der Höflichkeit sind die Franzosen einfach nicht zu übertreffen, wobei nut die Verkäuferinnen in den Pariser Warenhäusern und die magistralen Schalterbeamten von Paris jene Ausnahme machen, die die Regel bestätigen.

Wenn wir nun aber die Tugend ins Auge fassen wollen, in der unsere, die deutsche Stärke liegt: Ist es etwa nicht so, daß wir vom Himmel die Begabung mitbekommen haben, alles besser zu wissen? Wie glücklich werden wir uns also in Frankreich fühlen, wenn wir das Recht erhalten, Zeugnisse auszustellen. Die gleiche Rolle, die die Berliner früher in Bayern spielten – sie wußten alles besser –, können wir Deutschen jetzt in Frankreich übernehmen. Es ist dasselbe Spiel; bloß das Spielfeld hat sich vergrößert. Aber ist das gut? Wie ich uns kenne, werden wir dabei großzügig sein. Wir werden es so weit treiben, daß wir sogar den Verkäuferinnen in den Pariser Warenhäusern Höflichkeit: Schecks überreichen. Und das wäre ziemlich schlecht.