Von Wolfgang Müller-Haeseler

Die Deutsche Bundesbank befindet sich in einer Zwickmühle. Soll sie ihre bisherige Restriktionspolitik fortsetzen oder soll sie die Bremsen gar noch schärfer anziehen? Oder soll sie umgekehrt die Bremsen, die sie der Konjunktur sehr behutsam mit Diskonterhöhung und Beschneidung der Bankenliquidität angelegt hat, wieder vorsichtig lockern? Was sie auch tut, sie wird sich immer den Zorn eines Teils der Betroffenen zuziehen.

Der Zentralbankrat hat sich auf seiner letzten Sitzung vor den Osterfeiertagen diesem Dilemma entzogen: Er tat nichts. Dabei hatten die Auguren wissen wollen, daß die Bundesregierung die Bundesbank zu einer Demonstration gedrängt hätte, die die Entschlossenheit aller Verantwortlichen zur Erhaltung des Wohlstandes und stabiler Preise vor aller Augen führen sollte. Es mag sein, daß die Anwesenheit von Bundesbankpräsident Karl Blessing auf dem Parteitag der CDU in Düsseldorf, auf dem es vornehmlich um die Festlegung der Wahltaktik der größten Regierungspartei ging, dieser Vorstellung einigen Wahrscheinlichkeitsgehalt verlieh.

So sehr aber die kommende Wahl jede Initiative in Bonn lähmt, der Zentralbankrat war offensichtlich nicht gewillt, sein ohnehin schmales Instrumentarium für eine wahlltaktische Demonstration einzusetzen. Darüber hinaus war die Möglichkeit einer baldigen Pfundabwertung, die eine Neuorientierung der deutschen Konjunkturpolitik erforderlich machen würde, zu diesem Zeitpunkt noch nicht völlig ausgeschlossen.

In der Tat kann eine Heraufsetzung des Diskontsatzes – denn darauf wäre eine derartige Demonstration im Sinne Bonns hinausgelaufen – ebensoviel Schaden wie Nutzen anrichten, je nach dem, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Das Angebot auf dem Kapitalmarkt wird von einer solchen Maßnahme sicher nicht beeinflußt, da die ohnehin stark gestiegenen Kapitalmarktzinsen eine kräftige Verknappung widerspiegeln. Dagegen wird mit einiger Sicherheit der zur Zeit übliche Nominal-Zins für Anleihen von 6 Prozent, den die Bundesbank nach ihren eigenen Worten aufrechterhalten möchte, ins Wanken kommen. Die Rendite der Anleihen könnte damit an die unmittelbare Schwelle rücken, hinter der der Erwerb für Ausländer trotz der Couponsteuer wieder attraktiv wird. Bereits jetzt sind große Teile der neuen Postanleihe in den letzten Tagen ins Ausland geflossen.

Auch die Konjunktur nimmt offensichtlich derzeit keinen Verlauf, der einen erneuten Eingriff der Bundesbank erforderlich macht. Manche Daten lassen den Schluß zu, daß der seit dem Frühjahr 1964 anhaltende Boom seinen Höhepunkt überschritten hat. Sicher, die Industrieproduktion hat sich, gestützt auf die hohen Aufträge aus dem Vorjahr, in den ersten Wochen des neuen Jahres weniger deutlich abgeschwächt als saisonüblich. Die Auftragseingänge sind aber zurückgegangen. Waren es in den letzten Monaten des vergangenen Jahres zunächst die Inlandsaufträge, die in zunehmendem Maße hinter den Vormonatsdaten zurückblieben, so schwächten sich Anfang dieses Jahres auch die Auslandsaufträge sichtbar ab. Das wird sicher nicht so bleiben – die Februarzahlen sprechen dafür –, aber die hektische Entwicklung des vergangenen Jahres hat einer ruhigeren Entwicklung Platz gemacht.

Von dieser Seite droht der Konjunktur kaum noch eine Überhitzungsgefahr. Dafür gibt die Kostenentwicklung zu Besorgnissen Anlaß. Die Lohnforderungen der Gewerkschaften, die sich auf das gute Geschäftsjahr 1964 stützen, in dem die Unternehmergewinne wieder in gleichem Ausmaß wie die Arbeitseinkommen stiegen, beginnen sich auszuwirken. Der Bundesverband der Deutschen Industrie und die Arbeitgeberverbände fühlen sich sogar bemüßigt, in einer Anzeigenkampagne gegen diese Gefahren zu Feld zu ziehen.