Von Horst Künnemann

„Pflichten der Partei zur Schaffung einer Kinderliteratur... Sie hat die Pflicht, auch für eine geeignete sozialistische Buchliteratur zu sorgen.“

Clara Zetkin (1906)

„Ein Gelehrter mit Humor, der sein Wissen Kindern munter plaudernd darzubieten vermag, das ist in Deutschland schon eh und je etwas Außergewöhnliches gewesen...“ Horst Kunze (1964)

Das Kinderbuch sitzt am Katzentisch der Literatur. In Deutschland muß diese umfangreiche Literaturgruppe immer noch um Entschuldigung bitten, wenn sie sich außerhalb der Messe, Konfirmations- oder Weihnachtszeit zur übrigen Gesamtliteratur stellen möchte. Eine seltsame Schizophrenie, die Deutschland vor allen anderen Ländern auszeichnet. Diese Problematik ist gesamtdeutsch, ein weiteres merkwürdiges Phänomen, wie eine bemerkenswerte Neuerscheinung aus der DDR erkennen läßt. 45 Seiten benötigt der Generaldirektor der Berliner Staatsbibliothek, Professor Kunze, um seinen Eisbrecher gegen traditionelle geistige Erstarrungen hierzulande anfahren zu lassen, bis er endlich ins freie Wasser der eigentlichen historischen Sichtung und Wertung gelangt.

Kinderbücher haben in Deutschland ihr Dasein im Windschatten der „großen“ Literatur verlebt. Daran hat sich in drei Jahrhunderten bis in die Gegenwart trotz reicher Fülle, listenreicher Werbung, trotz Preisverleihungen und steigenden Absatzes wenig geändert. Kritiker von Rang brauchen sie nicht zu kennen, um mit Ignoranz Pauschal-Verdikte zu fällen, wie jüngst Krämer-Badoni in der „Welt“ so trefflich unter Beweis stellte.

Horst Kunze, überzeugter Marxist, Mitglied der SED, Liebhaber alter Kinderbücher, hat in den letzten Jahren in den historischen Beständen seiner Bibliothek gegraben und unter sehr romantisch klingendem Titel die Teilergebnisse seiner Suche ausgebreitet –