Von Rolf Zundel

München, im April

In den Vorgärten leuchten gelb die Forsythien vor grauem Gemäuer, in den Schwabinger Straßencafes lassen sich die ersten Gäste von der Sonne bescheinen; auf den Grünstreifen stellen die Studenten der Akademie ihre Bilder aus. Man diskutiert, flaniert, flirtet. Es ist ein milder Frühlingstag; die Luft ist leicht.

Ein paar hundert Meter weiter, im Schwabinger Bräu am Ende der Leopoldstraße, haben die Gäste auf der Tribüne Atemschwierigkeiten. Im Saal regiert das donnernde Pathos. Die Hände ans Rednerpult geklammert, das Gesicht fleckig vor Anstrengung, legt Franz josef Strauß sein Glaubensbekenntnis zu Franz Josef Strauß ab. Im Takt der Sätze hebt und senkt sich sein massiger Körper; jedes Verb, jedes Substantiv wird ins Bewußtsein der Zuhörer eingestampft: „Wenn nicht eine säkulare Entscheidung vor uns stünde, hätte ich der Versuchung nachgegeben, ein rein familiäres Leben zu führen. Man soll mir aber niemals nachsagen, daß ich feige gewesen bin. Ich bin nicht feige, ich war es nicht, ich werde es nicht sein.“

Die Landesversammlung der CSU in München ist, obwohl der Parteichef immer wieder versichert, es gehe nicht um seine Person, der Tag des Franz Josef Strauß. Der Unmut, der sich in der CSU gegen ihren Parteiführer gesammelt hat, bleibt verdeckt. Zwar rührt der weißbärtige Minister Hundhammer während der ganzen zwei Stunden, die Strauß redet, die Hand nicht einmal zum Beifall, und an dem Honoratiorentisch, wo der stellvertretende Parteivorsitzende Huber, Generalsekretär Jaumann und Minister Höcherl sitzen, ist das Klatschen kaum mehr als eine höflich-diplomatische Geste. Auch an einigen anderen Tischen bleibt man reserviert. Die Masse der Delegierten aber läßt sich gern von der Beredsamkeit des Parteichefs überrollen. Sie trampeln und klatschen, daß der Saal dröhnt. Ein eifriger CSU-Mann auf der Pressetribüne registriert genau, wer mit Beifall kargt. Zornrot kündigt er an: „Die werd’ ich melden.“

Jene Loyalität und Treue, für die Strauß den Delegierten „aus tiefstem Herzen, voll Rührung und fast mit Beschämung“ dankt, ist reichlich vorhanden. Ohnehin war nicht zu erwarten, daß Strauß im Wahljahr ernsthafte Schwierigkeiten haben würde. An seiner Wiederwahl hat seit Wochen niemand gezweifelt. Aber sein Sieg wäre vielleicht etwas weniger deutlich ausgefallen, wenn nicht der Augstein-Anwalt Gritschneder ein paar Tage zuvor einen Generalangriff auf Strauß gestartet und ihm sittliche Verfehlungen en masse vorgeworfen hätte.

Dieser Kampf „im Unter(hosen)-Grund“, wie die Süddeutsche Zeitung den Prozeß nannte, macht es der CSU, selbst wenn sie es gewollt hätte, im Augenblick unmöglich, sich von ihrem Parteichef zu distanzieren. „Ich bin in vielem mit Strauß nicht einig“, sagt ein Delegierter, „aber jetzt kann man ihn doch nicht im Stich lassen.“ Und ein Bayer, dem es durchaus widerwärtig ist, daß sein Land stets mit Strauß identifiziert wird, meint resigniert: „Das, was Augstein getan hat, war nicht nur unfair, sondern auch töricht.“ In der Tat: Augstein hat es den Gegnern von Strauß nur schwer gemacht.