Von Wilhelm Treue

Zwischen 1875 und 1912 erschien, herausgegeben von Rochus Freiherrn von Liliencron, die „Allgemeine Deutsche Biographie“ in 56 Bänden – ein dem Geschmack und den Interessen des Bildungsbürgertums entsprechend neben den Dynastien, Staatsmännern, Diplomaten und Generalen vorwiegend der Literatur und den anderen Künsten, dem „Geistesleben“ im Sinne jener Zeit gewidmetes nationales biographisches Nachschlagewerk, das ohne Zweifel nicht nur die Kultur- und Zivilisationsauffassung seiner Zeit spiegelte, sondern diese auch durch die Benutzer mit den darin enthaltenen Auffassungen und Urteilen beträchtlich beeinflußte. Nach dem Ersten Weltkriege allerdings veraltete dieses umfangreiche Werk schnell, erwies sich aus den natürlichsten Gründen als immer unvollständiger und war obendrein bald vergriffen und nur in großen Bibliotheken erreichbar.

Nach jahrelangen, durch die Zeitumstände vielfach behinderten Vorbereitungen konnten 1953 die Münchener Historiker Franz Schnabel und Walter Goetz im Vorwort zum ersten Bande einer Neuen Deutschen Biographie schreiben: „Inzwischen ist mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen. In dieser Zeit hat die biographische Forschung zahlreiche neue Ergebnisse erarbeitet. Die Scholastik, die bildende Kunst des späten Mittelalters und die industrielle Entwicklung der Neuzeit sind heute durch die voranschreitende Geschichtswissenschaft in ganz anderem Ausmaße als ehedem erschlossen, so daß viele Namen, die bei der Herausgabe der ADB noch unbekannt geblieben waren, in die Annalen unserer deutschen Geschichte eingegangen sind. Es geht nicht an, daß man sich künftig nirgends über sie zuverlässig orientieren kann. Dazu kommen die vielen Persönlichkeiten, die in den letzten fünfzig Jahren die deutsche Kultur bereichert haben und nun auch schon der Geschichte angehören.“

Seitdem sind sechs Bände der Neuen Deutschen Biographie erschienen, die insgesamt wohl auf etwa 15 Bände anwachsen wird. Sie enthalten und 7250 Biographien auf etwa 4250 zweispaltigen Seiten, so daß jede Biographie im Durchschnitt etwas länger ist als eine Spalte. Für die Auswahl der in ein solches Werk, das trotz seines bedeutenden Umfanges schließlich gewisse Grenzen einhalten muß, Aufzunehmenden sowie als Verfasser für die Biographien hat man fast durchweg vorzügliche Fachkenner gewinnen können, sc daß die einzelnen, mit Verfassernamen gezeichneten Beiträge bei aller Knappheit ein großes Maß an Informationen, Genauigkeit und durch neueste Forschungsergebnisse gestützten Urteilen enthalten, also mit vollem Vertrauen benutzt werden können. Sie werden beträchtlich bereichret durch sehr sorgfältige, von Band zu Band immer eingehender gewordene genealogische Vorbemerkungen sowie durch gute Werk- und Literaturverzeichnisse, schließlich durch Hinweise auf etwa vorhandene Porträts.

Der Münchener Universitätsprofessor Dr. Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode, seit annähernd fünfzehn Jahren Schriftleiter der Neuen Deutschen Biographie, hat in seiner Einleitung zum ersten Band geschrieben: „Eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Aufzunehmenden auf die einzelnen Berufsgruppen wird angestrebt. Jedoch ist es ohne weiteres einleuchtend, daß die Vertreter der Naturwissenschaften, der Wirtschaft und Technik einen hohen Prozentsatz stellen, da sie dem letzten halben Jahrhundert im besonderen Maße das Gepräge gegeben haben.“

Diese moderne Auffassung hat dazu geführt, daß in jedem Bande etwa ein Fünftel aller Biographien „Unternehmern“ gewidmet sind, wobei auf die Zeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts naturgemäß relativ sehr wenige, auf die letztvergangenen hundert Jahre dagegen um so mehr Unternehmer-Biographien entfallen. Da das Gesamtwerk am Ende etwa 18 000 bis 20 000 Biographien und in den genealogischen Vorbemerkungen Hinweise auf rund doppelt so viele Personen enthalten wird, bedeutet das, daß zum Schluß allein 3500 bis 4000 Unternehmer biographisch behandelt und durch rund 7000 bis 8000 genealogische Hinweise mit anderen Personen zuverlässig verknüpft sein werden. Dazu kommen die vielen Erfinder, Techniker, Ingenieure, Berg- und Hüttenleute, Industrie-Physiker und -Chemiker usw. mit großen wissenschaftlichen und unternehmerischen Leistungen, so daß man sagen kann: Hier wird über die traditionellen Bereiche von Kultur und Zivilisation hinaus zum ersten Male eine Bestandsaufnahme der deutschen Wirtschafts- und Technikgeschichte von ihren Anfängen bis unmittelbar an unsere Gegenwart heran von der biographischen Seite her geboten. Ohne Zweifel gewinnt die Neue Deutsche Biographie in Deutschland eine ähnliche Bedeutung wie einst die Allgemeine Deutsche Biographie – auch sie ist im Begriff, unsere gegenüber der Jahrhundertwende zur Betonung des Technischen und Wirtschaftlichen hin modifizierte Auffassung von Kultur und Zivilisation zu repräsentieren und zu beeinflussen – eine Situation, in der die Schriftleitung viel Urteilsvermögen und Verantwortungsbereitschaft aufbringen muß. (Verlag: Duncker und Humblodt, Berlin)