Ob Studenten der Wirtschaftswissenschaften vor dem Besuch der Universität oder erst nach dem Staatsexamen in die wirtschaftliche „Lehre“ gehen sollen, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. In einem Beitrag: „Der perfekte Kaufmann“ hatte Jürgen Noca in der ZEIT Nr. 13 für die Lehrzeit vor dem Studium plädiert und Kritik am Lerneifer der Studenten geübt. Heute geben wir einer Erwiderung Raum. Der Autor, ein junger Volkswirt, zeigt, wie das wirtschaftswissenschaftliche Studium wirklichkeitsnaher gestaltet werden kann, ohne daß damit die Universität ihr allgemeines Ausbildungsziel zu vernachlässigen braucht.

An den Universitäten fallen über 25 Prozent der Studenten der Volks- und Betriebswirtschaftslehre durch das Examen. Dies ist wohl die höchste Durchfallquote aller Fakultäten. Ob das nun ein schlechtes Licht auf die Studenten der Wirtschaftswissenschaften wirft oder zeigt, daß man in diesem Fach bestrebt ist, das Niveau der Prüfungen hochzuhalten, soll hier nicht untersucht werden. Sicher ist, daß die Studenten sich nachhaltig mit den Methoden und dem Stoff dieser Disziplin vertraut machen müssen, um ihr Examen zu bestehen.

Die Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre haben sich seit langem zu eigenständigen und anerkannten Wissenschaften gemausert, aber noch immer besteht die Auseinandersetzung zwischen der Auffassung des theoretischmethodischen Vorgehens und der praxisnahen Ausbildung in Blickrichtung auf die Aufgaben in der Wirtschaft.

Diese Gegenüberstellung scheint ungerechtfertigt, selbst dann, wenn es nur darum geht, ein Praktikum in der Wirtschaft dem eigentlichen Studium vorzulagern. Praktiker, die von der Universität betriebsgerecht geschulte Nachwuchskräfte fordern, interpretieren die Aufgabe der Universität falsch. Ebenso unsinnig wäre es, wollten Wirtschaftstheoretiker ihre wissenschaftlich-abstrakten Modelle kritiklos auf einen praktischen Einzelfall angewandt wissen – kein Wissenschaftler würde das tun.

Den Praktikern geht es darum, Nachwuchskräfte zu erhalten, die möglichst rasch zweckmäßig und gewinnbringend eingesetzt werden können. Diese Forderung kann durch die Universität nur dann erfüllt werden, wenn ihre Ausbildung mehr als bisher spezialisiert wird. Es dürften nicht einfach Betriebswirte herangebildet werden, sondern Vertriebs- und Absatzspezialisten oder auch Programmierer, die möglichst bereits auf ein bestimmtes System gedrillt sind.

Ganz abgesehen von der Schwierigkeit, diese Forderungen technisch zu verwirklichen, fragt es sich, ob sie zweckmäßig sind. Daß eine universelle Ausbildung im ursprünglichen Sinne der Universitas nicht mehr möglich ist, wird von allen eingesehen, aber man bemüht sich doch innerhalb der Fakultät darum und vermeidet, auf Fachschulniveau abzusinken.

Stichhaltige Gründe sprechen dafür. So ist es bei der augenblicklichen Geschwindigkeit der technischen Entwicklung und dem Wandel der gesellschaftlichen Struktur nicht möglich, einen hohen Spezialisierungsgrad an Kenntnissen für längere Zeit aktuell zu halten. Mit anderen Worten: was heute noch als perfektes und vorbildliches Spezialwissen gefeiert wird, kann morgen schon veraltet und unbrauchbar sein.