Von Hans Gresmann

Die Sperren auf der Autobahn nach Berlin sind verschwunden. Der Verkehr läuft ungehindert. Die sowjetischen Düsenjäger machen einen Bogen um die alte Reichshauptstadt. Normalität, was immer man darunter versteht, ist wieder eingekehrt.

Es erscheint an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Die Frage muß gestellt, und sie muß beantwortet werden, ob die Reise des Deutschen Bundestages nach Berlin notwendig, gerechtfertigt und politisch sinnvoll war.

Die nüchterne Beantwortung einer solchen Frage läßt sich nicht durch das Pauschalargument ersetzen, daß Berlin immer eine Reise wert sei. Das Bekenntnis zur deutschen Hauptstadt wird nicht geschmälert, wenn man versucht, Ansprüche – und mögen sie juristisch sowie moralisch noch so gerechtfertigt sein – in Einklang zu bringen mit den Erfordernissen realistischer Politik.

Eine Bewertung aus der Emotion mag verständlich sein, ist aber unergiebig. Die jüngste Berlin-Demonstration und die durch sie bewirkte Gegendemonstration nach den Regeln von Boxkämpfen oder Fußballspielen auf die Anzeichen von „Siegen“ und „Niederlagen“ zu untersuchen, erscheint unter den kühlen Gesetzen der Politik wohl doch als ein zu oberflächliches Verfahren.

Es gibt gegenwärtig zwei Gebote, von denen deutsche Politik bestimmt wird – oder bestimmt werden sollte. Gebot Nummer eins: Verhindern, daß der Status quo heute oder morgen zu unseren Ungunsten verändert wird. Gebot Nummer zwei: Auf lange Sicht dazu beitragen, den Status quo zu unseren Gunsten zu verändern.

Diese nebeneinander bestehenden Maximen, die sich freilich auf verschiedene Zeitabschnitte beziehen, werden häufig vermischt, und das führt zu mancherlei Verwirrung. Es kommt heute darauf an, daß wir uns in den essentiellen Fragen behaupten, ohne zugleich Entspannungsmöglichkeiten von morgen zu stören oder zu verzögern. Wenn die Aufgaben deutscher Politik tatsächlich in einem so prekären Balanceakt liegen, dann lassen sich für die Beurteilung der jüngsten Berlin-Aktion wichtige Schlüsse ziehen.