London, im April

Sie schlafen immer tiefer..., sagte die väterliche Stimme. „Immer tiefer und tiefer ..., aber Ihr Körper wird leicht und unbeschwert. Und nun hören Sie nur noch, was Sie nicht vergessen dürfen ...“ fuhr die beruhigende Stimme fort, um mich dann wie ein Kind in die russische Sprache einzuführen. Diese, meine erste Lektion, hörte ich so um Mitternacht, kurz vor dem Einschlafen. Der Apparat mit der endlosen Tonbandkassette hatte sich selbst eingeschaltet, und ich hörte die sich wiederholenden Sätze, bis ich tatsächlich fest einschlief. Aber noch im Halbschlaf hörte ich die Stimme beim Russischunterricht. Als ich am Morgen aufwachte, hatte sich der Apparat ausgeschaltet, und ich entsann mich vage an einige russische Worte.

Es war mein erster Versuch mit „Hypnopädie“, der Methode, im Schlaf zu lernen. Nun bin ich zwar kein gutes Objekt für Hypnose und die Worte, die ich in der Erinnerung behielt, hätte ich schneller im Wachzustand gelernt. Aber ich habe es schließlich auch nur eine Nacht probiert. Die neue Lehrmethode soll angeblich sehr erfolgreich sein, jedoch vorläufig nur für einfache und nicht für komplizierte LernVorgänge. Die Hypno-Therapeutiker, wie sie sich nennen, behaupten, eine ganze Anzahl von Wissensgebieten im Schlafe lehren zu können. Auch psychologische Störungen und Charakterschwächen könnten durch das System geheilt werden.

Wenn man ihnen Glauben schenkt, kommt etwas Umwälzendes auf die Menschheit zu. Die völlige Automation des Lehrens, die Möglichkeit, im Schlaf zu lernen oder unangenehme Angewohnheiten abzulegen. So wurden mir Schlafkurse auch gegen Bettnässen, Impotenz, Frigidität, Alkoholismus und Asthma angeboten. Mir schien jedoch russischer Unterricht wünschenswerter. In einem Institut wurde das Tonband „Die Frigidität zu überwinden“ inzwischen zurückgezogen. „Es wurde ein bißchen zu schwierig“, gab der Institutsleiter lapidar als Grund dafür an.

In den letzten Monaten muß die Zahl der interessierten Schlafschüler in England stark gestiegen sein, denn immer mehr Hypnopädie-Institute werden in London und in den Provinzen eröffnet. Einige sogar mit Schlafsälen für die Studenten. Oder sie vermieten Tonbänder für Heimkurse, Wiedergabeapparate mit Zeitschaltern und kleine Flüstersprecher, die unter das Kopfkissen gelegt werden und dem Schläfer die Lektion zuwispern. Schwieriger ist es jedoch herauszufinden, welche Qualifikationen die Manipulatoren der neuen Lehrtechnik haben und ob ihnen an der Entwicklung der neuen Methode liegt oder lediglich um eine moderne Profittechnik geht. Zweifellos werden die Tonbänder, soweit ich feststellen konnte, vom pädagogischen Standpunkt aus gut durchdacht hergestellt. Ein Institut in Nord-London bespricht sogar die Tonbänder individuell für den Kursus jedes einzelnen Schülers, um den verschiedenartigen Problemen auf den Grund zu gehen. So hörte ich ein Tonband, das sich mit der schlechten Laune und ständigen Gereiztheit eines Schülers beschäftigte. Auf meine Frage, ob der Schüler nicht besser zuerst ärztlichen Rat einholen sollte, wurde mir geantwortet, das wäre geschehen, aber der Arzt hätte keine organische Ursache für die ständige Gereiztheit gefunden.

Ein anderes Tonband, für einen ängstlichen Studenten, bereitete ihn für das bevorstehende Examen vor. Es ist leicht möglich, daß es seinen Zweck erfüllte, denn der Zuspruch war äußerst geschickt angelegt. Es fragt sich jedoch, ob das Tonband im Wachzustand nicht genausogut gewirkt hätte. Vielleicht hatte aber der Therapeutiker recht. Er meinte, daß gewisse unterschwellige Wirkungen in das Unterbewußtsein dringen müßten und das könne nur durch den Hypno-Dämmerzustand geschehen. Mir scheint das ein recht gefährliches Gebiet zu sein, auf dem sich die neuen Lehrmeister bewegen, und ein viel zuwenig erforschtes. Die neuen Institute tragen fast alle Respekt einflößende Namen wie: „Educational Recordings“ und „Psychological Tapes“. Nur der Firmentitel „Sleeping Partners Ltd.“ (Schlafpartner-Gesellschaft) verspricht eigentlich keine elektronische Lehrmethode.

Nun wurden allerdings seit Jahren in Europa, in Amerika, in Rußland und jüngst sogar in Australien Experimente gemacht, im Schlafen zu lernen, die aber keineswegs abgeschlossen sind. Leonid Blisnischenko vom Ukrainischen Institut der Wissenschaften in Kiew behauptet, gute Resultate auf dem Gebiete des Erlernens von Sprachen erzielt zu haben, besonders wenn er der Lehrstimme ein Raumecho gibt, „als käme das Flüstern aus einer anderen Welt“. Dagegen waren die Experimente, welche von Wissenschaftlern der „Rand Corporation of California“ unternommen wurden, vollkommen negativ. Überhaupt scheinen die russischen Versuche einige positive Resultate gehabt zu haben. Diesbezügliche Literatur berichtet von einem Experiment mit zwei Gruppen, denen dieselbe Geschichte im Schlafzustand erzählt wurde. Der einen Gruppe wurde jedoch hypnosuggeriert, die Geschichte nicht zu vergessen, der anderen nicht. Tatsächlich konnten alle Mitglieder der unter Hypnosesuggestion stehenden Gruppe die Erzählung wiederholen und die andere nicht. Angeblich werden auch russische Kosmonauten teilweise im Hypnoschlaf auf radiotechnischem Gebiet ausgebildet. Russische Berichte über Lehrmethoden im Hypnoschlaf verweisen auch auf sogenannte „Wachpunkte“ während des Schlafes, die durch Geräuschstimulantien erzeugt werden. So gibt es natürliche Reiztöne, die gar nicht laut zu sein brauchen, um den Schläfer auf eine leichtere Schlafebene zu bringen; zum Beispiel erwacht eine Mutter, die auf laute Geräusche im Schlaf nicht reagiert, sofort, wenn ihr Säugling auch nur leise anfängt zu weinen. Die Wissenschaftler schließen daraus, daß der Mensch sogar während des Schlafes, wo seine Aufnahmefähigkeit stark eingeschränkt ist, einen Spähmechanismus in seinem Gehirn hat, der „wichtige und unwichtige Informationen, die auf seinen Körper einwirken (die er mit seinen Sinnen wahrnimmt) voneinander unterscheiden kann“. Diese „Wachpunkte“ durch Stimulantien weiter zu untersuchen, ist eine der Aufgaben der Wissenschaftler, Die Wachpunkte sind noch gänzlich unbekannte Phänomene, die auch im tiefsten Schlaf entstehen und vermutlich für das Lernen im Schlaf von größter Wichtigkeit sind.