Oskar Anweiler: Geschichte der Schule und Pädagogik in Rußland vom Ende des Zarenreiches bis zum Beginn der Stalin-Ära; Quelle & Meyer Verlag, Heidelberg; 482 S., 42,– DM

Dieses Buch setzt einen Meilenstein. Nicht das erstemal bei der geistigen Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus war erst ein äußerer Schock nötig, damit im Westen eine intensive Beschäftigung mit Aspekten des gesellschaftlichen Lebens der Sowjetunion einsetzte. Es bedurfte der Weltraumerfolge der Sowjetunion, daß man sich bei uns zu fragen begann, wie es um das Erziehungswesen eines Landes bestellt sein muß, das solche Leistungen zu vollbringen vermochte. Anweiler, Ordinarius für Pädagogik an der Universität Bochum, steuerte zusammen mit Klaus Meyer einen ersten Beitrag zur Erschließung des geschichtlichen Quellenmaterials in der Dokumentensammlung „Die sowjetische Bildungspolitik seit 1917“ bei. Sein neues Werk behandelt zwar nur eine verhältnismäßig kurze Periode der russischen Erziehungsgeschichte im zwanzigsten Jahrhundert, der jedoch eine Brückenstellung zwischen dem „alten“ und dem „neuen“ Rußland zukommt. Ihm kam es auf den Zusammenhang der pädagogischen Strömungen mit der tatsächlichen Entwicklung des Schulwesens an.

Wenn man zu einem richtigen Verständnis der sowjetischen Schule und Erziehung gelangen will, muß man Marxismus und russisches Erbe gleichermaßen berücksichtigen. Mancher Leser wird jedoch verblüfft feststellen, daß die sowjetische Pädagogik wie das übrige kulturelle Leben im ersten Jahrzehnt nach dem Umbruch von den kühnsten Experimenten bestimmt wurde und die westeuropäische und nordamerikanische Reformpädagogik besonders der zwanziger Jahre die pädagogische Entwicklung bis etwa 1930 stärker beeinflußte als die entsprechenden Ansichten Marx’, Engels’ und Lenins.

Diesen hochfliegenden Plänen stand die Forderung des Schöpfers des Sowjetstaates entgegen, daß das Gute, das an der alten Schule gewesen war, zu übernehmen sei: „Kommunist kann man nur dann werden, wenn man sein Gedächtnis mit der Kenntnis aller jener Schätze bereichert, die die Menschheit erarbeitet hat.“

Wurde der geistige Kampf des frühsowjetischen „aufgeklärten Absolutismus“ auch durch den „despotischen Absolutismus“ der Stalin-Zeit mit ihrem politischen Terror abgelöst, so gewinnt doch die erste Periode der sowjetischen Pädagogik im Lichte der polytechnischen Reform von 1958 in mancher Hinsicht neue Bedeutung. Im Rahmen des seit jener Zeit begonnenen Bildungswettlaufs zwischen Ost und West mündet somit auch Anweilers historische Untersuchung in die Problematik der Gegenwart. Günther Specovius