Frankfurt ist so spießig geworden – Lieber Tante Else als Erich Mende – Zwei Juden auf der Post

Von Horst Krüger

Von der Reise zurück

Kritischer Augenblick nach großer Reise: plötzlich wieder zu Hause. Es ist kaum zu fassen: Du fällst wie ein Stein vom Himmel. Um neun Uhr bist du in Tunis eingestiegen und um zwölf wieder zu Hause – und was ist? Lauter Post und Staub auf dem Schreibtisch, nicht einmal die Blumen hat die Putzfrau weggeworfen. Ein Gefühl von Sinnlosigkeit: Die Seele kommt da nicht mit. Die kriecht noch mühsam zwischen dem Appenin und Nizza: Zeitstörungen, Verarbeitungsprobleme, Reise-Neurosen im technischen Zeitalter – noch unerforscht. Ich werde das Jet-Jahrhundert nicht mehr erlernen. Ich bin nicht mehr jung genug. Ich brauche wie meine Großeltern zwei bis drei Tage, um von Tunesien nach Frankfurt zu finden. Die Seele hinkt hinterher. Übermorgen wird sie hier eintreffen – sicher auf Krücken.

Kritischer Augenblick der Erkenntnis: Noch erfüllt von dem harten, weißen Licht Nordafrikas, das Camus immer so blendend beschrieb, noch die Gerüche und Geheimnisse des Orients im Hemd, Ambra und Knoblauch, und nun plötzlich Deutschland, unsere Bundesrepublik. Nennt man das nicht die Stunde der Wahrheit? Ich gehe über die Frankfurter Zeil, Sonnabend mittag, ein Junggeselle, der noch in der Maison Dorée in Tunis frühstückte, und sich nun rasch vor dem Vierzehn-Uhr-Ladenschluß etwas Wurst und Brötchen auf der Zeil holen muß; es ist zum Heulen. Die schließen hier ja so pünktlich wie Schalterbeamte. Vorbei die schöne Schlamperei, französisch und orientalisch: Um elf Uhr nachts noch Brötchen und Butter kaufen, und Sonntag, mittag im Basar mit Pfefferminztee in der Tasse Teppiche prüfen. Du bist wieder in Deutschland. Ordnung, Zucht und Sauberkeit wurden hier geboren.

Grundlose Traurigkeit will empor, ein Körper mit Melancholie geschlagen. Jede Heimkehr hat etwas vom Sterben – Welt, ach Welt, ich muß dich lassen: reiner Bürgerkitsch; jetzt sucht er dich heim. Pure Angst vor dem neuen Anfang. Fluchtgedanken. Was quält mich nur? Wieder zum Flughafen zurück? Wieder ein Billett bei Tunis Air lösen? Schwermut geht weit um mich gebreitet mit auf der Zeil: Todesanfechtung – man könnte ja sterben. Barer Unsinn: Neurosenwallungen. Kindergefühl geht mit auf der Zeil: infantiler Trotz, daß das Wunder zu Ende ist, infantiler Riesenanspruch, daß das Märchen immer weiter gehen soll. Ich muß mal zum Analytiker gehen: Dahinter steckt sicher was ödipales – Vaterprotest oder so. Ich muß diese Melancholie bekämpfen. Man kann sie sicher nach Freud auflösen.

Kritischer Augenblick der Erkenntnis, so vom Himmel zu fallen, Depression zwischen den Erdteilen: Für zwei oder drei Stunden sieht man dieses Land mit den frischen, unverbrauchten Augen des Ausländers. Ein Fremder ist zu Hausen ist zum erstenmal in Deutschland, geht zum erstenmal durch Frankfurt; noch nie habe ich die Zeil, meine Heimatstraße, gesehen. Merk dir das. Erkenntnis ist eine Sache der Distanz. Schreib das auf. Die Wahrheit steht dir gegenüber.