Günter Grass will die deutsche Jugend an neue Vorbilder gewöhnen: „Die heutigen Helden“, sagte er neulich, „heißen Korber und Wendt, Männer, die sich zusammensetzen und immerhin etwas erreichen.“

Wenn diese Definition stimmt, so gab es seit 1958, dem Jahr der ersten Berlin-Krise, schon zwei andere gesamtdeutsche Helden: Leopold und Behrendt, jene Männer, denen es zu verdanken ist, daß der Interzonenhandel, trotz einer vorübergehenden Kündigung aus Bonn und trotz Mauer- und Minensperren, mehr oder weniger reibungslos funktioniert und sogar an Umfang noch zugenommen hat. Auch in der letzten Woche, als zwischen der DDR und der Bundesrepublik auf der Autobahn zwischen Helmstedt und Berlin und in den Luftkorridoren eine Art Kriegszustand herrschte, ist dieser Kontakt im protokollarischen Niemandsland nicht abgerissen.

Am vorigen Dienstag mußte Alfred Pollak, Leiter der Treuhandstelle für den Interzonenhandel und Nachfolger Leopolds, dem stellvertretenden Außenhandelsminister der DDR, Heinz Behrendt, eine Warnung der Bundesregierung übermitteln. Bonn drohte mit Repressalien im Interzonenhandel, falls die DDR den Verkehr nach Berlin noch länger behindern werde. Über dieses Gespräch wurde der Mantel des Schweigens gebreitet, darum wissen wir nicht, ob Behrendt auf die Mitteilung seines Partners mit der gewohnten liebenswürdigen Verbindlichkeit reagiert hat. Was seine Auftraggeber angeht, so haben diese dem Protest aus Bonn gewiß gelassen entgegengesehen. Niemand weiß in Ostberlin besser als Behrendt selber, daß der Interzonenhandel als Waffe im kalten Krieg mit den Jahren stumpf geworden ist. Bei einem westdeutschen Wirtschaftsboykott würde die DDR zwar viele hundert Millionen Devisen einbüßen, aber ohne Zweifel würden Firmen aus anderen westlichen Ländern schnell die Lücken füllen helfen.

Das Junktim zwischen Interzonenhandel und Berlin-Verkehr hat für die DDR seinen Schrecken verloren. „Sie haben das Junktim erfunden“, sagte Behrendt im letzten Herbst zu westdeutschen Industriellen, „aber meinen Sie nicht, daß wir auf dem Klavier sehr viel besser spielen könnten?“ Damals hatte er in den Routinegesprächen mit dem Beauftragten der „Währungsgebiete DM-West“ gerade einen langen. Katalog mit Handelswünschen vorgelegt.

Seine Erinnerung an die hochempfindlichen Berliner Zufahrtwege sollte offensichtlich Bonn wirtschaftlichen Konzessionen geneigter machen. Es kursierte sogar das Gerücht, Behrendt habe von sich aus mit einer Kündigung des Interzonenhandelsabkommens gedroht. Wollte Ostberlin auch das letzte Bindeglied zwischen beiden Teilen Deutschlands zerreißen? Doch dann stellte sich heraus, daß sich Behrendt nur einen Witz erlaubt hatte.

Ernstlich kann weder Ostberlin noch Bonn daran gelegen sein, die Handelsbeziehungen abzubrechen. Nirgendwo sonst in der Welt kann die DDR für „weiche“ Waren (Braunkohlenbriketts, Leunabenzin, Textilien) so „harte“ Waren wie Eisen, Stahl und Kohle, Maschinen und chemische Apparate eintauschen.

Andererseits wird Bonn nicht leichtfertig auf das einzige Instrument verzichten, mit dem es hin und wieder politische „Erwartungen“ verknüpfen kann, zum Beispiel die Freilassung politischer Häftlinge, die sich Ostberlin mit hochwertigen Nahrungsmitteln bezahlen ließ. Vor allem aber ist das Interzonenhandelsabkommen eine (wenn auch ungenügende) zusätzliche Sicherung des freien Zugangs nach Berlin. Beim Neuabschluß des Abkommens Ende 1960 hat Behrendt versichert, seine Regierung wolle auch den Handel, der „als Transithandel über Transitwege der DDR geführt wird“, garantieren.