Der Geist Guderians
Wo die Grenzen der Tradition für die Bundeswehr liegen
Von Marion Gräfin Dönhoff
Die Aufstellung der Bundeswehr ist so gut wie beendet. Die letzte der vorgesehenen zwölf Divisionen ist vor einigen Tagen der NATO unterstellt worden. Der Aufbau ist also abgeschlossen, aber die Auseinandersetzung um die Grundlagen noch immer nicht beendet. Fast scheint es, als werde der alte Streit um Wert und Gefahr der Tradition, um Notwendigkeit und Grenzen des Neubeginns nie ein Ende finden, als werde man sich bei uns nie darüber einig werden, was nun eigentlich höher zu bewerten ist – das charakterliche Verhalten oder die fachliche Leistung.
Es gehe gar nicht um eine solche Alternative? Der moderne Offizier müsse eben beides in optimaler Weise miteinander vereinen? Schön und gut, im Idealfall ist es vielleicht so; ja, es wird sicherlich auch Fälle geben, in denen ein Vorgesetzter beispielhaft ist sowohl in seinem charakterlichen Verhalten wie in seiner dienstlichen Leistung. Aber das ist nun einmal – und zwar nicht nur bei den Soldaten – keineswegs der Normalfall. Man wird sich darum entscheiden müssen, was wichtiger ist und was an der Spitze der Wertskala stehen soll: Charakter und menschliche Bewährung oder Leistung und fachliches Können.
Des Teufels General
Das sei doch alles längst erledigt, dieses Problem schon vor Jahren ausdiskutiert? Nein, ganz und gar nicht. Sonst wäre es kaum möglich, daß Generaloberst Guderian – dessen Bild so manche neue Kaserne schmückt – dem jungen Soldaten der Bundeswehr von Offizieren der ehemaligen Wehrmacht immer wieder als Vorbild empfohlen wird. Vor kurzem ist sogar der Vorschlag gemacht worden, eine Kaserne nach ihm zu nennen.
Die Zeitschrift Kampftruppen, die von vielen Einheiten und Dienststellen der Bundeswehr offiziell gehalten wird, schrieb: „Dem alten Wunsch der Truppe, eine Kaserne nach dem Schöpfer der Panzertruppe benannt zu sehen, wurde bisher leider noch nicht nachgekommen. Die Tatsache, daß Guderian, obwohl er davon wußte, sich nicht entschließen konnte, am 20. Juli 1944 teilzunehmen, sondern andere Wege für geeigneter hielt, steht dem entgegen ... Aber wie die meisten von uns hat auch Guderian die damalige Ausnahme Situation nicht erkannt, sondern sich ganz seiner militärischen Aufgabe gewidmet.“ In diesem Sinne glich Guderian des Teufels General, den Zuckmayer so meisterhaft geschildert hat.






