Große Pianisten der Gegenwart (6) Hundertfünfzig Konzerte pro Jahr

Claudio Arrau vermeidet alle selbstgefällige Virtuosität Von Joachim Kaiser

Verglichen mit Artur Rubinstein, Wilhelm Backhaus, Wladimir Horowitz oder Wilhelm Kempff, deren kiinstlerisdie Physiognomic eindeutig, ja manchmal geradezu iibertneben deutlich scheint, so als miisse jeder Kunstler erne individuelle Kennmarke besitzen, umgibt den Pianisten Claudio Arrau ein Hauch von Aufienseitertum, von Undurchdringlichkeit, von Geheimnis , Das Wort ,Geheimriis" moge nicht romantiscn mifiverstanden warden. Nichts Damomsches, nichts Paganinihaftes ist mit im Spiel. Und wenn die Zeitgenossen Paganinis argwohnten, dais es beim Auftreten dieses Geigers immer em wenig nach Schwefel rieche und dafi Paganim die GSaite aus dem Darm einer verstorbenen Geliebten gedreht habe, so waren ahnliche Vermutungen im Hinblick auf Claudio Arrau und semen Fliigel verfehlt.

Trotzdem: So nahe es liegt, bestimmte Interpretationsweisen als ,typischRubinstein", ,typisch Kempff", ,typisch Horowitz" zu charaktensieren, so schwer lafit sich heraushoren, was denn nun ,typisch" sei fur Arrau. Er betreibt kemen Kult der Individuality. Er verfiigt iiber erne glanz voile Technik, wie iiber eine Riistung, die jeden Angriff, jede durchschauende Kritik abhrt — aber er gleicht dennoch keineswegs jenen jungen amerikanischen Perfektionisten, deren Spiel oft genug die donnernde oder sauselnde Langeweile einer Maschine ausstrahlt. Arrau ist nicht nur einer der beriihmtesten, sondern zugleich auch einer der fleifiigsten Virtuosen der Welt. Er gibt nacheinander in Tokio, New York, Miinchen, London und wieder New York Konzerte, hundertfiinfzig im Jahr, memt, dafi die pausenlose Luftveranderung ihn frisch und spannungskraftig erhalte, verfiigt iiber em riesiges Repertoire.

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Wie schwer es ist, Arrau zu charakterisieren, dafur bietet das im Moritz Schauenburg Verlag kiirzlich erschienene Buch ,Die Konzert Pianisten der Gegenwart", das der Musikliebhaber Hemssches Beispiel. Range schreibt uber Claudio Arrau: ,Wenn dieser distinguierte Kunstler em Adagio einer Beethoven Sonate vortriigt, glaubt sich jeder Zuhorer in eine andere Welt versetzt, denn Arrau erreicht das absolute Hochstmafi an Feierlichkeit und Wurde. Voller Innigkeit und mit perlenartiger Prazision sind auch seine Darbietungen der Werke Chopins, denen er sich oft und gern zuwendet. Auch die Interpretation der Schubert Sonaten oder der Rhapsodien von Liszt beherrscht dieser uberragende Kunstler ebenso iiberzeugend wie die Darstellung einer ;Fuge von Bach oder den Vortrag ernes Konzertes Von. Mozart. In souveraner Manier tragt dieser kongeniale Interpret", so prazisiert Range, ,alle Werke von Bach bis Brahms und Ravel musterhaft stilvoll, tiefgriindig, exakt und absolut vollendet vor. Sein Interpretationsstil zeichnet sich vor allem durch Milde und tiefe Innigkeit aus, wenngleich er auch mit viriler Kraft seines Anschlags voll zu begeistern versteht " Mehr kann man beim besten Willen nicht verlangen, zumindest nicht von Arrau. Nun ist es gewifi kein Zuf all, dafi der bedauernswerte Range iiber Arrau kaum mehr zu sagen weifi als: er spielt alles sehr gut.

Das Phanomen Arrau wird auch nicht im mindesten dadurch erklart, dafi dieser Kunstler 1903 in Chile geboren wurde. Zwar kommen sudamerikanische Komponisten in seinen Programmen gelegentlich vor, aber gewifi nicht haufiger als bei Rubinstein oder Gieseking. Selbst wenn man unterstellt, es gabe ein typisch siidamerikanisches Klavierspiel, so wie es eine ,Russische Schule" gibt, ware man bei Arrau auf dem Holzweg. Nicht nur, weil dieser grofie Pianist in Berlin ausgebildet wurde und erst kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach Amerika ging, sondern auch, weil sich in seinem Spiel der Unterschied etwa zwischen sogenannter ,deutscher" und ,romanischer" Beethoven Interpretation vollkommen verwischt.

Wo Arrau auftritt, zuckt auch der versnobteste Konzertbesucher jedesmal von neuem zusammen mit dem Gefiihl: mein Gott, kann dieser Mann Klavier spielen. Wer oft ins Konzert geht, wird ja nicht nur anspruchsvoller gegeniiber dem Durchschnitt, sondern in gleichem Mafie auch dankbarer fiir das Besondere und Grofie. Bei Arrau begreift man wieder, was beim Klavierspielen Konnen heifit.

Die ungemein sauberen und prazis gegriffenen Akkorde, bei denen nicht noch einige halb angeschlagene Tone verunklarend mitschwingen, die ganz selbstverstandliche Zwei, Drei- und Vierstimmigkeit, die bei den keineswegs unpolyphonen Romantikern so oft vernachlassigt wird, die vollig ausgespielten und nicht blofi in emem Pedalschwall heruntergehauenen Passagen, die sich dennoch nicht eitel vordrangen, die physische und psychische Disposition, die keine Ermiidung und kein Absinken zulafit: das alles gehort zum grofien Klavierspiel, und man kann es von Arrau horen.

Nun ist ein sauber gegriffener Akkord ja nicht nur eine Selbstverstandlichkeit, die sich bei guter Fuhrung in der Klavierstunde automatisch einstellt, sondern doch mehr: namlich Ausdruck grofier innerer Gespanntheit.

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