Große Pianisten der Gegenwart (6) Hundertfünfzig Konzerte pro JahrSeite 3/3

Vielleicht darf man es so formulieren: Arraus Stilgefiihl und "sein Kiinstlertum sind viel zu grofi, als dafi er jedes beliebige Klaviersdick zurn Objekt eines pianistischen Temperamentsausbruchs macht, wozu etwa Horowitz neigt. Gegeniiber der donnernden Kadenz des Klavierkonzertes von Grieg dann sind ScheUUnd Zuruckhaltung wirklich iiberfliissig, und hier zeigt Arrau auch, wie bei der Interpretation der beiden Liszt Konzerte oder gar des Totentanzes von Liszt, deutlich und hinreifiend, wie prachtig er, grob formuliert, ,aus sich herausgehen" kann. Doch da, wo die Titanen Gebarde unangebracht ware, bleibt Arrau um eine Spur zu zurlickhaltend, da yerlafit er sich zu sehr auf Geschmack, Grifftechnik und Kultur.

Wo Beethovens Sonaten klare Linienfiihrung, herbes fispressivo und eine, man verzeihe den Ausdruckj diesseitige Lebensbejahung ausdriicken, wird Arratis Kunst ihnen gerecht. Das schwere Vivace a la marcia aus der spaten A Dur Sonate opus 101 meistert niemand entschiedener, genauer und souveraner als er. Wer vergleichen kann, wie die meisten Pianisten sich mit diesem ungemein schwierigen Stiick herumqualen, der wird Arraus Stilgefuhl, sein Temperament und seine Anschlagskunst riickhaltlos bewundern. Dies spate Beethovensche Vivace a la marcia gerat sonst so leicht in phantastische Schumann Nahe hiniiber, wodurch es seinen Ernst und seine herbe Unnahbarkeit verliert; manchmal verkiimmert es audi zur sproden grifftechnischen Ubung. Arrau gilt als hervorragender Chopin Spieler. Unnotig zu sagen, dafi er die Etiiden oder das leuchtend klare Konzert Allegro opus 46 mit schattenloser Bravour zu meistern vermag. Hort man aber die Interpretation des wilden Chopinschen b Moll Preludes opus 28 Nr. 16 von Rubinstein, der sich da vollig von seinem siifien und typischen ,Rubinstein Ton" distanziert, sich mit ungeheurer Verve in die Klangwogen dieses Presto wirft, die bosen Linien noch viel scharfer und deutlicher nachzieht, als Arrau es tut, dann ist die Folgerung wohl nicht vorschnell, dafi eine gewisse Helle, eine, wenn man so will, lateinische Klarheit Arraus Spiel sowohl auszeichnet als auch begrenzt.

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Mit bewunderungswiirdiger Gespanntheit setzt sich Arrau fiir Liszt ein, meistert riickhaltlos Grieg, bewahrt sein Temperament da, wo extravertierte Kompositionen es zu forderri scheinen. Doch die phantastische Dunkelheit, der zugleich nervose und wilde Griff ist seine Sache nicht. Dafiir entdeckt Arrau eine bewunderungswiirdige Spannweite, eine helle Vielfalt der Nuancen und Farben im Bereich des Intimen. Er findet in Beethovens lyrischem G Dur Konzert eine Variabilitat des leisen, des aktiven Pianos, des Schattierens, Lebens, Drangens, wie man sie in diesem oft genug zum Reifier oder zum sentirnentalen Riihrsttick entwerteten Konzert kaum mehr vermutet hatte. Da vermeidet er jede Annaherung an strahlende Brillanz und erst recht alle selbstgefallige Virtuositat. Jene in fast alien klassischen Konzerten ergreifendste Stelle, wenn nach Beendigung der Kadenz das Orchester wieder hinzutritt und der Solist Abschied nimmt, gewinnt unter seinen Handen grofite lyrische Wahrhaftigkeit.

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