Beim Bergbau wachsen die Kohlenhalden immer weiter. Die Krise kann aber auch eire heilsame Wirkung haben.: Schreckgespenst an der RuhrSeite 2/3
Was soll nun werden, wenn die Halden tatsächlich beängstigende Außmaße annehmen? Auf diese Frage erhält man in Bonn nur ausweichende Antworten. Sie sind längst nicht so bestimmt wie die Zusicherung der Bundesregierung an den Bergbau, sie werde dafür sorgen, daß jährlich 140 Millionen Tonnen Kohle abgesetzt werden könnten. Bundeskanzler Erhard hat dieses Versprechen auf seiner jüngsten Reise durch das Ruhrgebiet noch einmal wiederholt.
Der Kohlenverkauf ist nur sinnvoll, wenn die Erlöse zumindest die Kosten decken. Das ist aber gerade dort am wenigsten der Fall, wo die Hauptsorgen des Bergbaus liegen: im deutschen Kohlenexport. Die übrigen Montanunionsländer haben sich mehr und mehr von der Ruhrkohle abgewandt.
Kann der deutsche Bergbau die billigen amerikanischen Angebote, die für zehn Jahre gelten, noch unterbieten, um den Kohlenexport von 25 Millionen Tonnen jährlich zu halten? Das halten die Unternehmen nicht lange durch. Auch die von der Regierung zugesicherten Absatzchancen würden diese Preiseinbußen nicht ausgleichen, es sei denn, der Staat subventionierte ein so verlustreiches Exportgeschäft. Das hieße aber lediglich, die Verluste zu verlegen. Volkswirtschaftlich wäre eine solche Förderung kaum zu vertreten.
Als Ausweg bleibt nur noch die Einschränkung der Fördermenge. Auch an der Ruhr wächst die Zahl der Menschen, die davon überzeugt sind, daß trotz aller Rationalisierungsmaßnahmen eine Drosselung der einzig gangbare Weg ist. Die Erwartung, die Absatzschwierigkeiten würden nur noch ein paar Jahre anhalten, weil spätestens in den siebziger Jahren wieder die bis 1957 gewohnte „Mangellage“ am Weltenergiemarkt eintrete, ist eine fromme Selbsttäuschung, der sich fast nur noch offizielle Stellen hingeben.
Zu denen, die ganz offen für eine Anpassung der Förderung an die Absatzmöglichkeiten plädieren, gehört der Vorstandsvorsitzer der Hoesch AG, Dr. Ochel. Der Unternehmensverband Ruhrbergbau scheint sich intern ebenfalls damit abgefunden zu haben, daß man an einer Einschränkung der Förderung nicht vorbei kann. Überschichten, die im Interesse einer möglichst rationellen Nutzung der Förderanlagen gefahren wurden, sollen ausfallen. Zwei bis drei Millionen Tonnen wird es auf diese Weise weniger geben. geben.
Aber hier wird wieder an Symptomen kuriert, statt das Übel an der Wurzel zu packen. Zudem wird obendrein noch die Rentabilität belastet. Nicht hier eine Tonne einsparen und dort eine, kann das Rezept sein, sondern endlich die schon zur Stillegung angemeldeten Schachtanlagen tatsächlich stillegen. Diese Zechen fördern jährlich ungefähr 20 Millionen Tonnen. Die verbleibende Förderung muß auf die rentablen Zechen konzentriert werden, die nur so eine Chance zum Überleben haben.
Dem Bergbau fällt ein solcher Entschluß schwer, und niemand beneidet ihn in seiner Situation. Eine Schachtanlage kann nicht so stillgelegt werden, wie man Maschinen, Schiffe oder ganze Werksanlagen einmotten kann. Wenn eine Zeche aufgegeben wird, ist das aus bergbautechnischen Gründen ein endgültiger Verzicht. An der Ruhr denkt man deshalb bei unternehmerischen Entschlüssen in anderen Zeiträumen als in der übrigen Wirtschaft. Ein Rückzug aus dem harten Verdrängungswettbewerb, in dem die Kohle steht, ist um so bitterer, als die Unternehmensleitungen und Bergleute in den letzten Jahren erstaunliche Rationalisierungserfolge erzielt haben. Das wird für manche Zeche nun ein vergeblicher Kampf gewesen sein.



