Zwanzig Minuten nachdem der Eilzug Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover in Richtung Kassel, Frankfurt verlassen hat, scheuchen wenigstens alle Fahrgäste im Kindesalter ihre Begleiter von der Lektüre hoch: „Schau Mutti – eine echte Burg!“ Denn während der Zug die Station Nordstemmen durcheilt, ist rechter Hand ein Schloß wie im Bilderbuch auszumachen, die Marienburg, Sitz der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg, steinernes Symbol der Welfen. Die Burg thront majestätisch auf einem bewaldeten Hügel, und man würde sich wahrlich nicht wundern, warteten hinter der Bahnschranke statt chromblinkender Autos Ritter in Rüstungen auf strammen Bauernrössern – so romantisch ist das Bild der Burg.

Sie träumt an der Schwelle zwischen der norddeutschen Tiefebene und dem mitteldeutschen Berg- und Hügelland, an der Pforte zum Leinetal. Der Fluß entspringt im Eichsfeld, schlängelt sich um den Harz herum, fließt durch Göttingen, Alfeld und Hannover und verschwindet dann in der Aller. In Sonderzügen ruft zehn Minuten nach der Begegnung mit der Weifenburg die Zugbegleiterin durch den Lautsprecher: „Links sehen Sie jetzt die Siebenberge“ , und wiederum für die mitfahrenden Kinder, „hier wohnt Schneewittchen mit den sieben Zwergen.“ Sieben Berge, wie von Kinderhand gemalt, ziehen draußen vorbei, und so mancher zählt heimlich mit: eins, zwei, drei...

Diese sieben Berge sind aber nur ein Teil der vielen Höhenzüge und Bergrücken, die den Leinefluß einrahmen. Der Sackwald, die Gandersheimer Kette, Selter, Hils und Ith, Duinger Wald, Thüster Berg mit dem Külf wetteifern darum, dem Leinebergland jene teils erhabene, teils idyllische Schönheit zu schenken, die diese Landschaft zu einem Erholungsgebiet für Touristen und Wanderer macht.

Dann bremst der Zug, eine Stadt wie im alten Bilderbuch erscheint – zwei Kirchtürme, die wie eine Glucke über einem Schwarm roter Giebeldächer wachen: Alfeld/Leine. Das ist die „Hauptstadt“ (13 000 Einwohner) des Leinetals, der uralten Verkehrsader, in dem heute die wichtige Nord-Süd-Bahnstrecke verläuft wie auch die Bundesstraße 3, die bei Nören-Hardenberg (Northeim) die Autobahn Hamburg–Basel kreuzt.

Nach dem Krieg habe ich acht Jahre lang in diesem Leinestädtchen gewohnt, das 1358 von dem damaligen Landesherrn, dem Fürstbischof Heinrich III. von Hildesheim, die Stadtrechte erhalten hat, und manchmal dachte ich, das schönste an diesem Ort sei der Bahnhof, weil man von ihm aus wegfahren konnte. Das war zumindest undankbar und kurzsichtig. Heute, als Einwohner einer hektischen Millionenstadt, zieht’s mich immer wieder in diese Stadt, ins Tal der Leine und in die Bergwälder. Denn diese Landschaft (die Caspar David Friedrich erfunden haben könnte, gäbe es sie nicht) ist wie geschaffen für gereizte, abgehetzte, lufthungrige Großstädter. Herrliche Buchenwälder wechseln mit weiten lieblichen Auen, die Ketten der Höhenzüge sind unterbrochen von Wald- und Wiesentälern, durch die sich klare Bäche winden. Acht Tage genügen manchmal schon, um sich zu erfrischen. Acht Tage bieten zugleich acht wunderschöne Ausflüge – und wer 14 Tage bleibt, kann vierzehn Tage lang neue Ziele finden und noch länger. Denn Alfeld liegt wie die Kompaßnadel in der Windrose, egal, wohin sie zeigt – in jeder Himmelsrichtung tut sich eine neue reizvolle Landschaft auf.

Bequem ist der Himmelberg zu erklimmen, der erste und höchste der Siebenberge, und von seinem Gipfel aus sollte man den Kamm entlangwandern bis hin zur „Hohen Tafel“. Gleich – nach welcher Seite man dann absteigt, überall schmiegen sich an den Fuß der Berge Dörfer mit einladenden, oft sehr alten Gasthöfen, die hier inmitten des Niedersachsenlandes, wo man noch immer viel von herzhafter Nahrung hält, mit Portionen aufwarten, die in Preis und Quantität den Fremdling aus der Stadt überrumpeln.

Ein dichtes, gut befahrenes Busnetz macht vom eigenen Wagen unabhängig – für den, der einmal für ein paar Tage nicht selbst fahren möchte. In einer halben Stunde ist per Bus von Alfeld aus der Luftkurort Grünenplan zu erreichen, am Fuße des Hils mit seinen Kiefer- und Fichtenwäldern. Auf den stillen Wanderwegen des Hils und im Ith trifft man noch Wanderer mit Stock und Rucksack, und es werden eher mehr. Wer aber einmal die gut markierten Wanderwege verläßt und tiefer in die Wälder hineingeht, der kann auf Muffelwild treffen, das hier einzeln oder in Rudeln umherstreift. Diese harmlosen Bergschafe, deren Heimat Zypern oder Korsika ist, wurden von der Forstverwaltung nach dem Krieg ausgesetzt. Sie haben sich in den Hilswäldern schnell eingewöhnt und stark vermehrt.