Bonn und seine Bürger sehen großen Tagen entgegen: Am 18. Mai gibt Königin Elizabeth von England der rheinischen Residenz die Ehre. Schon am 5. Mai aber wird das große kommunale Ereignis des Jahres gefeiert – mit der „Orestie“ von Aischylos öffnet Bonns neues Theater seine Pforten. Zwanzig Jahre nach Kriegsende wird am Regierungssitz zum erstenmal auf einer Bühne gespielt, die nichts Provisorisches mehr an sich hat. Im Gegenteil: Das noch namenlose neue Theater am Rheinufer (wegen seiner gedrungenen Betonbauweise nach dem Generalintendanten Dr. Karl Pempelfort scherzhaft „Pempel-Fort“ genannt) bietet zumindest ein technisch erstrangiges Spektakel, das in der Summierung aller Raffinessen seinesgleichen in der Bundesrepublik sucht.

Mehr als 22 Millionen Mark kostet der kolossale Musentempel, der direkt an der Rheinbrücke nach den Plänen des Stuttgarter Architektenteams Klaus Gessler und Willfried Beck-Erlang in drei Stufen zur Straße hin aufgetürmt worden ist. In die Finanzierung teilen sich die Stadt Bonn, das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund. Intendant und Ensemble des Bonner Städtischen Theaters, die von dem Neubau Besitz ergreifen, hoffen zuversichtlich, daß von den 900 Plätzen in Parkett und Rang künftig auch Regierungschef und Minister, Abgeordnete und Diplomaten dem dramatischen Wort- und Musikgeschehen (Schauspiel und Oper werden zu Bonn von jeher abwechselnd in einem Haus gepflegt) folgen werden.

Im Haus des „Bonner Bürgervereins“, im alten Bonn jenseits der Bahnlinie gelegen, wurde prominenter Besuch stets vermißt, seitdem der frühere Bundespräsident Professor Heuss im November 1949 das Behelfstheater eröffnet hatte. Dort spielt Pempelforts Mannschaft noch heute – wie die Stadtverwaltung erklärte – „auf einer viel zu kleinen Behelfsbühne ohne Schnürboden, ohne Hinterbühne, ohne technische Umbauvorrichtungen, in einem Saal, der nur über zahlreiche Treppen erreichbar ist, akustische Mängel aufweist, keine guten Sichtmöglichkeiten bietet und wenig einladende Atmosphäre besitzt“.

Angesichts dieser Misere und der knappen Finanzdecke des Theaters ist es nicht erstaunlich, daß der Spielplan keine aufwendigen oder schwierigen Inszenierungen bot, das wackere Ensemble ohne überragende Kräfte blieb und die Zuschauerzahl zurückging. Sie sank nach städtischer Mitteilung von 263 000 Besuchern im Jahr 1956 auf 223 500 in der Saison von 1963/64. Die Abonnements haben allerdings zugenommen, in der laufenden Spielzeit sogar um 30 Prozent.

Das neue Bonner Theater soll die Tradition des einstigen „kurfürstlichen Hoftheaters“ als „Heimstätte der schönen Künste“ aufnehmen. 1797 wurde diese Bühne, in deren Orchester noch der junge Ludwig van Beethoven gespielt hatte, nach über hundertjährigem Bestehen von den neuen französischen Herren aufgelassen.

1848 erst besaß Bonn wieder ein „anständiges“ Theater, das abermals der Initiative der Bürger zu danken war. Es wurde im Juli 1943 durch einen Fliegerangriff völlig zerstört. 1945 begann das Theaterspiel zu Bonn in einem Hörsaal der Universität, dann in einer Schulturnhalle und schließlich in einem Lichtspielhaus (für Opernaufführungen) mühsam zu blühen. 1949 gab dann der Bürgerverein dem Theater für ein sechzehnjähriges Provisorium in seinem Gesellschaftshaus Asyl. Auf dem 10 000 Quadratmeter großen Grundstück des jetzigen neuen Theaters erhob sich bis zu seiner Zerstörung im Jahre 1944 das fürstliche Palais Boeselager. Als die Erde für das Fundament ausgehoben wurde, fanden Archäologen Reste der Bonner Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert, einen Mühlstein mit der Jahreszahl 1577 und zwei Gefäße mit 10 000 Silbermünzen, die vermutlich um 1400 vergraben wurden. Heute prozessieren die Stadt und die Familie von Boeselager um das Eigentum am Silberschatz.

Im Oktober 1961 wurde mit dem Theaterbau im Rhein begonnen, genau zwei Jahre später wurde Richtfest gefeiert. Seitdem wurden die Bonner Theaterfreunde mit immer neuer froher Kunde über die Besonderheiten des Bauwerks erfreut. Tatsächlich vereint die neue Bonner Bühne alle Vorzüge und technischen Erkenntnisse des letzten Theater-Jahrzehnts. Ein elektronisches ,,Beleuchtungs-Stellwerk“, wie es ähnlich nur das neue Frankfurter Schauspielhaus besitzt, ist die modernste Errungenschaft. Nach der letzten Lichtprobe, in der Regel bei der Generalprobe eines Stückes, wird eine Lochkarte gestanzt, die alle Beleuchtungseffekte festhält. Vor jeder Aufführung wird die Lichtkarte in das Stellwerk gesteckt, worauf die Bühnenbeleuchtung vollautomatisch – mit elektronischer Steuerung – abläuft. Lediglich die „Verfolgungsscheinwerfer“, die den einzelnen Schauspieler erfassen, werden noch mit der Hand bedient.

Die weitere Ausstattung des Theaters am Rhein: Die Hauptbühne ist in drei Podien aufgeteilt, die gehoben und gesenkt werden können, so daß Spezialbauten für Auftritte aus dem Keller oder von einer Treppe her überflüssig sind. Von der Hinterbühne kann eine Drehbühne auf einem Wagen nach vorn geschoben werden; diese rollende Bühne ist auch während der Fahrt drehbar. Der Bühnenrahmen kann vor- und rückwärts verschoben sowie angehoben werden, so daß von der Guckkastenbühne bis zum Einraumtheater alle Variationen einer Spielfläche möglich sind. Nach Angaben der stolzen Bonner Bauherrn verfügt noch kein anderes Theater über solche Novitäten.

Auch für das geschätzte Publikum ist gesorgt. Jeder Sitzplatz ist von der Bühne nicht mehr als 24 Meter entfernt, was als ideale Distanz für optischen und akustischen Genuß gilt. In den durchlöcherten Mittelfuß eines jeden Sitzes mündet ein Kanal der Klimaanlage, aus dem Frischluft an die „Unterfront“ des Besuchers strömt. Diese luftige Installation ließen sich die Finanziers immerhin 500 000 Mark kosten.

Vom Geiz der Geldgeber kann überhaupt keine Rede sein: Die Wände des Zuschauerraums, der zehn Zugänge hat, sind mit afrikanischem Zebranoholz getäfelt, die Brüstung des Ranges ist mit weißem griechischem Marmor, verkleidet, der Fußboden mit vornehmgrauem Kunststoff belegt.

Mit einer protokollarischen Feinheit knüpft, das neue Theater in Bonn zumindest im Geist an das einstige kurfürstliche Hoftheater an: Prominenten Gästen, vor allem Staatsbesuchern, sind ein Sondereingang, ein Extralift und „Fürstensessel“ im Rang gewidmet. Das Protokoll des Auswärtigen Amtes, der Bonner Kulturreferent und das Theater-Neubauamt einigten sich auf einen unscheinbaren Nebenzugang an der – dem Haupteingang abgewandten – Rheinseite des Theaters. Er bekam ein vorgezogenes Dach, unter dem die schwarzen Limousinen vorfahren können. Ein kleiner Fahrstuhl (sonst als Garderobenaufzug benützbar) für drei bis vier Personen hebt die Ehrengäste zum Rang, wo die „normalen“ Stühle entfernt werden können, damit schöne Polstersessel („Fürstensessel“) Platz finden. Zum Ehrenbereich gehören noch eine eigene Garderobe und ein Aufenthaltsraum für „Zusammenkünfte im kleinsten Kreis“, wo die Staatsbesucher den Schaustellern auch huldvoll Audienz gewähren können.

Über all der Pracht wölbt sich nicht etwa eine pompöse Kuppeldecke mit Kristallüstern, sondern – eine optische Täuschung. Direkt unter der Decke hängt die nackte technische Apparatur eines Theaters, die jedoch durch einen Lichteffekt unsichtbar gemacht wird: Der Bildhauer Otto Piene schuf eine „Lichtplastik“ mit rund 1400 hängenden Lichtquellen, die einem modernen Kronleuchter ähnlich ist. Die Helligkeit der „optischen Decke“ verbirgt so das technische Gewirr an der Oberseite des Theaters.

Bonns stolze Hoffnung aber, Königin Elizabeth werde sich als erster Staatsgast zur Fürstenloge des neuen Theaters liften lassen, geht nicht in Erfüllung. Im Besuchsprogramm war kein Platz mehr dafür frei. Peter Stähle