Große Pianisten der Gegenwart (8) Ein Dämon der Übertreibung
Glenn Goulds pianistische Meisterschaft gleicht einem Drahtseilakt Von Joachim Kaiser
Bei- Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war Friedrich Gulda neun Jahre alt, Glenn Gould sieben Jahre. Backhaus, Rubinstein und Kempff dagegen stammen nodi au s dem 19. Jahrhundert, Solomon, Arrau, Serkin, Horowitz und Richter gehdren immeshin zur Generation derer, die vor oder wahrend der Zeit des Ersten Weltkneges geboren wurden Demgegenuber smd Gulda und Gould junge Leute des Jahrgangs 1930 und 1932. In ihren Interpretationen spiegelt sich wahre Modernitat: Der expressive Konstruktivismus der Wiener Atonalen ist nicht ohne Emflufi geblieben auf Goulds Intellektuahtat.
Wenn man solche Uberlegungen und Charaktensierungen wagt, dann steht im Hmtergrund immer das Gespenst des sogenannten Histonsmus, von dem wir uns nicht paralysieren lassen wollen. Emer bestimmten Generation anzugehoren, von bestimmten Entwicklungen und Stilen gepragt zu sem: das ist em Schicksal, manchmal ein Ungliick, manchmal ein Gliick — aber auf keinen Fall ein Verdienst. Wir mussen also eine doppelte Anstrengung machen: uns zwar um alles das kiimmern, was zeittypisch und generationstypisch ist im Spiel und in der KunstlerPhysiognomie von Gulda und Gould, aber auch jene andere Frage durchhalten, der man gern ausweicht, namlich: wie gut spielen diese mittlerweile immerhin auch iiber dreifiig Jahre alten Pianis ten? Die jpviale Heiterkeit eines Rubinstein, die Sicherheit eines Backhaus, die Zuverlassigkeit des guten Durchschnitts, der zufriedenstellend seine Konzerte absolviert — von alledem spurt man bei Gulda und Gould kaum einen Hauch. Die Musikergilde ist wahrscheinlich schon seit Orpheus Tagen zu Spott und Schadenfreude geneigt, weil eben alle die, die sich von ganzer Seele mit dem Schonen und Erhabenen zu beschaftigen haben, begreiflicherweise eine Kompensation brauchen. Haarstr&ubend unanstandige Witze, trockene Flegeleien und verletzende Lieblosigkeit stellen den Ausgleich her. Mozarts oft wiiste Briefe, Wagners geschmacklose Selbstreklame oder Pfitzners Gehassigkeiten sind die Kehrseite der ehrlichen Weihe.
In dieser Musikergilde laufen Dutzende von boshaften Anekdoten um, in denen die spleenige Sonderlichkeit Goulds durch den kollegialen Kakao gezogen wird. Glenn Gould sagt nicht nur standig Konzerte ab, brummt nicht nur bei seinen Flatten unbeherrscht mit, betritt nicht nur mit Handschuhen das Podium, rakelt sich nicht nur grotesk am Fliigel, sondern verklagt angeblich jemanden, der ihm trostend die Hand auf die Schulter legt, wegen Korperverletzung. Gould und Gulda bieten soviel Gelegenheit, wie man nur will, gegen sie ,recht" zu haben, ihnen etwas vorzuwerfen oder anzukreiden. Zudem sind sie nicht ohne Hochmut. Doch wenn wir es uns so leicht machen, diese juhgen ,Schwierigen" auf irgendwelche Oberspitzungen festzulegen und damit vermeintlich zu erledigen, dann haben wir einfach nicht begriffen, dafi die aufierste Leistung und Befahigung heutzutage offenbar mit einer inneren Spannung und Uberspannung bezahlt werden mufi, von denen sich der gute Durchschnitt nichts traumen lafit.
Es gibt ein Wort, mit dem die Gegner des 1932 in Toronto geborenen Glenn Gould den jungen Exzentriker erledigen wollen, wenn wieder einmal etwas Absurdes iiber die Kleidung, die Manieren, Manien und Hysterien dieses Pianisten bekannt wird: Sie nennen ihn dann einen „ Blender" Was die Kunst des Klavierspiels angeht, so mufi der Blender in genau dem gleichen Mafie mit den Problemen einer Bach Fuge, einer SechzehntelStelle einer spaten Beethoven Sonate fertig werden konnen wie der Nichtblender — und es lafit sich beispielsweise horen, ob er das vermag oder nicht Naturlich, manche Piamsten versuchen ,Tiefe" vorzutauschen, gehen techmschen Problemen aus dem Wege, ziehen sich vorsichtig hmter emen Nebel aus Pedal und sogenannter Auffassung zuruck. Aber alles das lafit sich dmgfest machen, wenn em Kunstler Konzerte gibt und Schallplatten ohne betrugerische Mampulationen emspielt. Vor Beethovens Sechzehnteln smd alle gleich Dem Emsamen auf dem Podium hilft da keinerlei ,Blendwerk".
Man moge mir einen nicht ganz zutreffenden Vergleich verzeihen: Zummdest im Hmbhck auf die pianistische Fertigkeit ist das ,Blenden" genauso miihselig wie etwa beim Huhdert MeterLauf. Wenn da ein ,Blender" 10 2 schafft, dann ist er kein Blender. Auch wenn er sich vielleicht vor oder nach dem Lauf wie ein Blender auffiihrt.
Bach und Beethoven sind die Schwerpunkte des Repertoires von Glenn Gould, und er hat auch wahrend seiner Europa Tournee, die ihm verdiente und iiberwalr gende Erfolge eintrug, hauptsachlich Klavierkonzerte Bachs und Beethovens gespielt. Schallplatten lehren indessen, dafi sich dieser Pianist auch mit Mozart, Haydn, Brahms, Berg, Schonberg, Krenek und sogar einem schlechthin unbekannten Monodram von Richard Strauss — dem ,Enoch Arden" fiir Spre;her und Klavier — auseinandergesetzt hat. Doch Glenn Gould ist ein unzuverlassiger Pialist. Beethovens friihe Klavierkonzerte gelingen :hm besser als Beethovens Spatwerk. Brahms wird sum Eldorado fiir Goulds Klangsinn — aber das anbeherrschte Genie kummert sich nicht um Brahms ,Vorschriften". Und es ist fiir alle Wohlmeineriden gewifi nur ein schwacher Trost, aber ioch immerhin ein Trost, dafi der so schlagend ntelligente Kunstler sich bei alien seinen Extraraganzen offenbar immer etwas gedacht hat. Jiingst ging ja noch durch die Weltpresse, Jafi Glenn Gould und der beriihmte Dirigent Leonard Bernstein sich offentlich gestritten hatten. Brahms habe Bernstein dem verdutzteri Auditorium mitgeteilt, dafi er sich mir der nun folgenJen Interpretation nicht identifizieren konne, da Gould alles viel zu leise und zu langsam spiele. Mun kommt es ja glucklieherweise nicht allzuoft or, dafi ein Dirigent so unverblumt sagt, was er yon der Interpretation seines Soljsten halt — und daruro hat man uberall geschmunzelt. Offenbar, so dachten die Kenrfer, wieder eine Verriicktheit des immer manierierten und absonderlichen Glenn Gould. Hort man dann aber die Platte, auf der Glenn Gould zehn Brahms Intermezzi vortragt: mit erlauchter Klangphantasie, zartlicher Zerrissenheit, abgriindiger, ja mafiloser, aber immer vohlformulierter Sensibilitat, dann nimmt man Jen Spott zuruck. Glenn Gould geht vielleicht zu weit" — aber er entdeckt auf dem zu weiten Weg manche Herrlidikeit, von der den Gesunden nichts traumt.
Waren alle diese Marotten wirklich nur Marotten, von denen Glenn Gould sich ohne weiteres losen konnte, falls es ihm einmal darauf ankame, dann brauchten wir ihm hier nicht oberlehrerhaf t die Fehler anzukreiden. Aber in diesem Glenn Gould steckt nicht etwa die amiisante Aufsassigkeit eines iibermiitigen Genies, das die Beckmesser aller Lander provozieren will, sondern ein Damon. Der Damon der Obertreibung. Er iibertreibt mit grofier Uberzeugungskraft alles: das schnelle Tempo, die langsame Entsagung, aber auch die Schlichtheit, die Innigkeit, ja — so paradox es klingt — auch die Bescheidenheit. Immer geht er bei alledem jenen Schritt zu weit, der ihn zwar auch vom Durchschnitt trennt, von der faden Routine des Oblichen und Konventionellen, der ihm aber zugleich auch ein Aufierstes abverlangt an Kunst und Geschick: Glenn Goulds pianistische Meisterschaft gleicht einem Drahtseilakt, weil der Kunstler es sich immer und immer wieder auferlegt, das Zuviel glaubhaft zu machen, das Ungewohnliche und Exzentrische zu humanisieren, das Wilde und Unzahmbare doch nodi zu beherrschen. Wer sich uber die phantastischen, irrwitzigen Tempi des 25jahrigen argerte, der hat spater iiber die absurde Langsamkeit des 31jahrigen den Kopf geschiittelt. Doch noch im aufiersten Extrem, ja gerade in ihm, offenbarte sich trotz allern immer grofie pianistische und musikalische Meisterschaft. Dafi diese pianistische Vollkommenheit Goulds sich — um nicht zur gleichgiiltigen Spielmusik zu verflachen — ihr Risiko gewissermafien selbst sucht und doch riicht daran zugrunde geht, lehren Goulds zahlreiche und wahrlich nicht orthodoxe Bach Interpretationen. Glenn Gould hat sich keineswegs nur die virtuosen Sachen herausgesucht, sondern er spielt auch die zwei- und dreistimmigen Inventionen, Partiten, die Kunst der Fuge und das Wohltemperierte Klavier. Polyphonie bereitet diesem grofiartigen Pianisten keinerlei Schwierigkeiten, die Unabhangigkeit und die Freiheit der Hande ist erstaunlich, die Kunst, Stimmen genau festzuhalten und zu farben, verbluffend. Dennoch diirfte es nicht so leicht einen deutschen Horer geben, der Glenn Gould das Presto aus Bachs bekanntem und vielgeliebtem ,ItalienischenKonzert" verzeiht. Hortman dies rasende Presto zum erstenmal, dann reagiert man mit einem schlichten ,Unm6glich". Doch man entdeckt, je mehr man sich mit der Interpretation beschaf tigt, immer mehr Deutlichkeiten in diesem Stuck. Gould hat Beziehungen nicht nur zwischen kleinen Toncharakteren hergestellt, sondern zwischen ganzen Perioden und Satzteilen. Er unterschlagt keine Einzelheit. Und wenn dies Italienische Konzert auch im Stromlinientempo yankeehaft vorbeibraust: die von Bach komponierte Heiterkeit, die Fiille und die ziigig konzertante Herrlichkeit kommen heraus. Den endlosen Streit, wie Bach aufzufassen und darzustellen sei, kann kein Mensch entscheiden. Am besten wird man mit dem Stildilemma fertig, wenn man nicht fragt, was Cembalist oder Pianist tut, sondern wenn man hauptsachlich darauf hort, was er zutage fordert. Dann braucht man sich nicht mit den immer miihsamer kodifizierbaren Stilgesetzen herumzuqualen, die samtlich auf Verbote hinauslaufen, sondern man mifit die Interpretation an derFiille und an derEinheit des Werkes.
Dieser Fiille nun ist Gould trotz allem Ubermut gewachsen. Er behandelt den Fliigel wie ein gesteigertes Cembalo, verzichtet auf Ausdruckswirkungen nicht, wohl aber auf allzuviel Pedaleffekte, die bei Bach meist nur vernebeln und sich dazwischendrangen, ohne zu klaren oder zu pointieren.
_Hingegen lafit sich Gould nicht — unddasmacht wiederum den spontanen Reiz seines Bachspiels aus — davon abbringen, auf eigene Faust nach Nuancen zu spiiren, harmonische Schattierungen auszukosten, die selbstverstandlichen Genieblitze des spaten Bach hingerissen und hinreifiend mitzuteilen.
Goulds Spiel gerat an eine Grenze immer nur dann, wenn er seine phanomenale Technik dazu benutzt, um auf dem Fliigel Wirkungen hervorzubringen, die kaum anders vernehmbar sind denn rein mechanisch, fast karikaturistisch — auch wenn der Interpret sie nicht so gemeint hat. Die Aufnahme der Goldberg Variationen demonstriert den Reichtum und die draufgangerische Frische von Goulds Spiel: jene faszinierende Mischung von Konstruktivismus, Virtuositat und Nonkonformismus. Manches ist einfach zu rasch, iiberschreitet die Moglichkeiten des Fliigels, nicht die Moglichkeiten Goulds.
In der beriihmten 25. Variation, einem tiefsinnigen g Moll Stiick, mufi sich Goulds poetische Kraft bewahren. Mit dieser g Moll Variation ubrigens wurde das Kino Publikum in aller Welt durch den Bergman Film iDas Schweigen" bekannt. Aber es ist denkbar, dafi viele Leute sich im ,Schweigen" fiir andere Dinge interessierten als fiir die Probleme der Bach Interpretation.
Mufi man nun schon wahrend der Interpretation der 25. Goldberg Variation durch Glenn Gould an Anton von Webern denken, dann ist es kein Wunder, dafi dieser Pianist sich auch direkt mit den Werken der Wiener Schule beschaftigt hat. Und wenn er den Beginn der Sonate Opus 1 yon Alban Berg spielt, dann kommt ihm dabei seine Souveranitat zustatten. Das klingt wie ganz selbstverstandliche Musik, wie eine Mischung aus Brahms, Jugendstil und fast impressionistischer Kontrapunktik.
Glenn Gould hat sich auch mit dem spaten Beethoven befafit. Es liegt eine durch viel Mitsingen und Mitbrummen seltsam bereicherte Platte vor, die neben einer hochmiitigen Einfiihrung aus der Feder Glenn Goulds die letzten drei Sonaten Opus 109, 110 und 111 enthalt. Natiirlich stofit man auch da auf viele lyrische Grofiartigkeiten. Aber wenn Glenn Gould beim Beginn von Opus 109 die normale Phrasierung und seine eigene, allzu originelle kombiniert, wenn er den ersten Satz von Opus 111 unwirsch verfehlt, dann werden solche Gewaltsamkeiten doch nicht aufgewogen, durch gelegentliche Bekundungen grofiartigen Klanges und ziigiger pianistischer Dramatik. Hort man die gleichen Werke jedoch von Friedrich Gulda, dann haben sie plotzlich jene grofie Selostverstandlichkeit, der Glenn Gould ausweichen zu mussen glaubt, um des Bespnderen habhaft zu werden. Mit einem Artikel iiber Guldas Kiinste und Probleme wollen wir in der nachsten Nummer diese Serie ,Grofie Pianisten der Gegenwart" abschliefien.
- Datum 07.05.1965 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 7.5.1965 Nr. 19
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