Große Pianisten der Gegenwart (8) Ein Dämon der ÜbertreibungSeite 2/2

Dieser Fiille nun ist Gould trotz allem Ubermut gewachsen. Er behandelt den Fliigel wie ein gesteigertes Cembalo, verzichtet auf Ausdruckswirkungen nicht, wohl aber auf allzuviel Pedaleffekte, die bei Bach meist nur vernebeln und sich dazwischendrangen, ohne zu klaren oder zu pointieren.

_Hingegen lafit sich Gould nicht — unddasmacht wiederum den spontanen Reiz seines Bachspiels aus — davon abbringen, auf eigene Faust nach Nuancen zu spiiren, harmonische Schattierungen auszukosten, die selbstverstandlichen Genieblitze des spaten Bach hingerissen und hinreifiend mitzuteilen.

Goulds Spiel gerat an eine Grenze immer nur dann, wenn er seine phanomenale Technik dazu benutzt, um auf dem Fliigel Wirkungen hervorzubringen, die kaum anders vernehmbar sind denn rein mechanisch, fast karikaturistisch — auch wenn der Interpret sie nicht so gemeint hat. Die Aufnahme der Goldberg Variationen demonstriert den Reichtum und die draufgangerische Frische von Goulds Spiel: jene faszinierende Mischung von Konstruktivismus, Virtuositat und Nonkonformismus. Manches ist einfach zu rasch, iiberschreitet die Moglichkeiten des Fliigels, nicht die Moglichkeiten Goulds.

In der beriihmten 25. Variation, einem tiefsinnigen g Moll Stiick, mufi sich Goulds poetische Kraft bewahren. Mit dieser g Moll Variation ubrigens wurde das Kino Publikum in aller Welt durch den Bergman Film iDas Schweigen" bekannt. Aber es ist denkbar, dafi viele Leute sich im ,Schweigen" fiir andere Dinge interessierten als fiir die Probleme der Bach Interpretation.

Mufi man nun schon wahrend der Interpretation der 25. Goldberg Variation durch Glenn Gould an Anton von Webern denken, dann ist es kein Wunder, dafi dieser Pianist sich auch direkt mit den Werken der Wiener Schule beschaftigt hat. Und wenn er den Beginn der Sonate Opus 1 yon Alban Berg spielt, dann kommt ihm dabei seine Souveranitat zustatten. Das klingt wie ganz selbstverstandliche Musik, wie eine Mischung aus Brahms, Jugendstil und fast impressionistischer Kontrapunktik.

Glenn Gould hat sich auch mit dem spaten Beethoven befafit. Es liegt eine durch viel Mitsingen und Mitbrummen seltsam bereicherte Platte vor, die neben einer hochmiitigen Einfiihrung aus der Feder Glenn Goulds die letzten drei Sonaten Opus 109, 110 und 111 enthalt. Natiirlich stofit man auch da auf viele lyrische Grofiartigkeiten. Aber wenn Glenn Gould beim Beginn von Opus 109 die normale Phrasierung und seine eigene, allzu originelle kombiniert, wenn er den ersten Satz von Opus 111 unwirsch verfehlt, dann werden solche Gewaltsamkeiten doch nicht aufgewogen, durch gelegentliche Bekundungen grofiartigen Klanges und ziigiger pianistischer Dramatik. Hort man die gleichen Werke jedoch von Friedrich Gulda, dann haben sie plotzlich jene grofie Selostverstandlichkeit, der Glenn Gould ausweichen zu mussen glaubt, um des Bespnderen habhaft zu werden. Mit einem Artikel iiber Guldas Kiinste und Probleme wollen wir in der nachsten Nummer diese Serie ,Grofie Pianisten der Gegenwart" abschliefien.

 
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