Von Marcel Reich-Ranicki

Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht. Die Autoren sind es, die, wenn es gut geht, im Lichte stehen. Und die Lektoren bleiben, was immer auch geschieht, im Dunkel. Sie entdecken und fördern, beraten und erziehen, stimulieren und kontrollieren. Sie werden als Marktkenner und Feinschmecker, als Korrepetitoren und Mentoren gebraucht; sie müssen sich sogar als Beichtväter bewähren. Sie dienen der Literatur als Hebammen. Und bisweilen lieben sie die Kinder ihrer Schützlinge, als wären es ihre eigenen.

Von allen Aufgaben des Lektors scheint mir keine wichtiger zu sein als diejenige, begabten Autoren, jungen zumal, zur Selbstverwirklichung zu verhelfen. Letztlich will er – in dieser Hinsicht dem Kritiker ähnlich – nur eins: zu schriftstellerischen Leistungen beitragen. Somit ist er imstande, auf die zeitgenössische Literatur einen beträchtlichen Einfluß auszuüben.

Über den tatsächlichen Anteil der Lektoren an den publizierten Büchern allerdings, der sich übrigens fast nie genau ermitteln läßt, wird die Öffentlichkeit in der Regel nicht informiert. Es besteht kein Anlaß, diesen Zustand zu beklagen – oder ihn gar verändern zu wollen.

Wenn es jedoch einmal möglich ist, nicht nur vage Vermutungen zu äußern, sondern auf konkrete Verdienste der Lektoren hinzuweisen, ohne sich dabei einer Indiskretion schuldig zu machen – dann sollte man eine solche Gelegenheit nicht versäumen. So sind jetzt die offenbar systematischen Bemühungen von Dieter Wellershof der seit mehreren Jahren das deutsche Lektorat des Hauses Kiepenheuer & Witsch in Köln leitet, deutlich sichtbar geworden.

Auf der Suche nach neuen Talenten hat Wellershof vor einiger Zeit eine Anzahl fast oder ganz unbekannter Autoren aufgefordert, über ein bestimmtes Thema einen Prosatext, im Umfang von zwanzig bis siebzig Seiten zu schreiben. Sechs der auf seinen Vorschlag hin entstandenen Arbeiten gab er 1962 unter dem Titel „Ein Tag in der Stadt“ heraus: Den Sammelband wollte Wellershof „als eine Art Probierbühne“ verstanden wissen.

Die damals vorgestellten Autoren kommen jetzt nacheinander mit selbständigen Prosabüchern zu Wort. Es begann im vergangenen Herbst mit den höchst bemerkenswerten und in der Tat viel beachteten Erstlingen von Günter Herburger und Günter Seuren, denen nun auch das erste Buch von Rolf Dieter Brinkmann folgt –