Von Johannes Jacobi

Diplomaten, Politiker, Journalisten, die in Bonn zu leben genötigt sind, haben oft über den Mangel an zentralen gesellschaftlichen Veranstaltungen geklagt. Die Kontaktpflege verlangte, daß man von Cocktail-Party zu Cocktail-Party eilte, anstatt daß sich alle, die sich kennen, sehen und zuweilen miteinander reden müssen, aus einem sachlichen Anlaß zwanglos treffen konnten. Mit der Eröffnung des neuen Theaterhauses am Rheinufer ist nun für nahezu 900 Personen das Bonner Gesellschaftszentrum geschaffen worden.

Die Platzzahl ist nach der Größe eines täglich spielenden Theaters der Stadt Bonn bemessen worden. Form und Aufwand sind jedoch höher angesetzt. Sie erscheinen geeignet, die provisorische Bundeshauptstadt zu repräsentieren. Materiell kann man das an den Kosten ablesen. Als der Wiederaufbau des Münchner Nationaltheaters, der Bayerischen Staatsoper, mit 30 Millionen Mark veranschlagt wurde, sagte man sich: Das ist eben nicht nur ein Theater, sondern auch ein Museum, ein restauriertes Hoftheater, in dem sich eine Landestradition selber bespiegeln möchte. Ein Ausnahmefall also.

Immerhin werden in München für die 30 Millionen dem Publikum täglich rund zweitausend Theaterplätze zur Verfügung gestellt. Das Bonner Theater hat nur knapp 900 Sitze, es braucht auch nicht mehr, kostete jedoch 23 Millionen Mark. Land und Bund haben der Stadt geholfen. Der Prachtbau hat einen Anspruch aufgerichtet.

Bonn baute modern. Viele Enttäuschungen beim Neu- und Wiederaufbau von Theatergebäuden waren schon. zu überblicken, als die beiden jungen Stuttgarter Architekten Klaus Gessler und Wilfried Beck-Erlang von einer Wettbewerbsjury, die 82 Entwürfe beurteilte, Preis und Bauauftrag erhielten. Was den beiden mutigen Baukünstlern gelungen ist, was problematisch blieb, mag einer späteren Analyse vorbehalten sein. Der erste Eindruck am Eröffnungsabend enthielt indessen schon des Bestechenden, des Faszinierenden genug, um den Bonner Theaterneubau als eines der unkonventionellsten, die Routine vermeidenden Theater zu bezeichnen.

Drei Haupteigenschaften sind auf den ersten Blick sichtbar. Der eigenwillige Baukörper gliedert sich in das Bild von Stadt und Landschaft ein. Die Haubenform des Bühnenturms korrespondiert mit den Türmen Bonns. Durch die Glaswände blickt man auf Strom und Siebengebirge. Unmittelbar am Rhein, neben der Beueler Brückenauffahrt gelegen, schließt der seitlich zu betretende Bau eine Lücke in der städtischen Rheinfront.

Originell und beziehungsreich ist – zweitens – die Verbindung von Bühnenturm und Zuschauerhaus gelöst worden. Der architektonische Würfel der Bühnenzone wird nach der Publikumsseite hin leicht unregelmäßig. Eine schiefe Dachebene senkt sich nach vorn, um dann im spitzen Winkel die Glasfassade freizugeben. Linienführung und Körperformung ergeben für den Eingangstrakt eine sinnvolle Wirkung, wie sie – in der Idee vergleichbar – die gotischen Kirchenportale hatten.