Von Hermann Funke

Max Frisch, der Dichter, läßt den ehemaligen Architekten Frisch durch den gefangenen Stiller kräftig auf die Schweizer Architektur schimpfen, und der einst so vielversprechende Architekt Sturzenegger macht dabei keine gute Figur – Schweizer unter sich.

Das Ansehen der Schweizer Architektur war in den letzten zwanzig Jahren einigen Schwankungen unterworfen. Kurz nach dem Kriege galt sie, ähnlich wie die schwedische Architektur, als vorbildlich. Deutsche Architekten holten sich aus diesen beiden Ländern die ersten Anregungen für eine einigermaßen anständige demokratische – Architektur. Tatsächlich hätte aber die Architektur in der Schweiz, wie auch in Schweden, während des Krieges kaum Fortschritte gemacht, und die Stagnation hielt an. Zehn Jahre später war die Schweiz architektonisch provinziell.

„Wie sauber sie hierzulande bauen“, spottete Stiller, „wie sicher, wie schmuck, wie gediegen, wie seriös, wie makellos, wie gewissenhaft, wie geschmackvoll, wie gepflegt, wie gründlich, wie ernsthaft und so weiter, alles für die Ewigkeit.“ Es fehle ihnen aber jede Größe. Seitdem sind zwölf Jahre vergangen. Was Schweizer Architekten heute bauen – darunter auch einer, dessen Name Gantenbein ist –, kann Frisch kaum noch so negativ beurteilen wie seinerzeit Stiller.

Der Provinzialismus der Schweiz ließ einige jüngere Schweizer nicht ruhen. 1953 erscheint ein Büchlein „Wir selber bauen unsere Stadt“ von Markus Kutter und Lucius Burckhardt, ein Aufruf zu einer neuen Stadtplanung, zu dem Max Frisch, Dipl. Architekt, S.I.A. Zürich, das Vorwort schreibt. Er beginnt so: „Es gibt zwei Arten von Zeitgenossen, die sich über die Misere unseres derzeitigen Städtebaus aufregen; die einen, die große Mehrzahl und auch sonst die Mächtigeren, sind die Automobilisten, die keinen Parkplatz finden; die anderen sind die Intellektuellen, die in unserem derzeitigen Städtebau etwas anderes nicht finden: Sie finden keine schöpferische Idee darin, keinen Entwurf in die Zukunft hinaus, keinen Willen, die Schweiz einzurichten in einem veränderten Zeitalter, keinen Ausdruck einer geistigen Zielsetzung – das macht noch nervöser, als wenn man keinen Parkplatz findet.“

Dieses kleine Heft erregt Aufsehen. Selbst Stiller benutzt einige Passagen fast wörtlich in seinem Gespräch mit Sturzenegger (was zu seiner Identifizierung hätte beitragen können).

Das nächste Heft „Achtung: die Schweiz“, das sich mit der geistigen und politischen Lage der Schweiz befaßt, schlägt noch stärker ein und wird dreimal aufgelegt. Frisch engagiert sich darin ganz, ebenso im dritten Heft dieser Reihe: „Die neue Stadt“, in dem auch das Modell einer neuen City von Frisch veröffentlicht wird.