Johannes F. Barnick: „Deutschlands Schuld am Frieden.“ Seewald Verlag, Stuttgart 1965; 394 S., 26,– DM.

Daß du die Nase ins Gesicht behältst!“ – möchte man mit Fritz Reuter ausrufen, wenn man dies Buch aus der Hand legt. Unter den mannigfachen Versuchen, den Deutschen zu einem neuen Geschichtsbild oder doch jedenfalls zu einer einigermaßen brauchbaren Vorstellung von ihrer eigenen Geschichte zu verhelfen, stellt das, was Johannes Barnick einem in der Tat erstaunten Publikum vorlegt, den Gipfel des Grotesken dar. Man könnte, ja man sollte vielleicht achselzuckend darüber hinweggehen, weil es einem leid tut, andere Menschen auf solchen Unsinn noch hinzuweisen – wenn dieses Buch nicht symptomatisch wäre für eine neuerdings aufkeimende Neigung, unsere Vergangenheit dadurch zu bewältigen, daß man sie übertrumpft.

Barnick stellt als durchaus erwägenswerten Ausgangspunkt die Überlegung an, ob nicht Bismarcks bedeutendste Leistung – die Reichsgründung – an einem Geburtsfehler gekrankt habe, der ihr Scheitern unvermeidlich gemacht hat. „Wenn die Epigonen mit ihrer ungeschickten und planlosen, aber keineswegs besonders gewagten, eher zu zaghaften Politik das Reich gleich in Todesgefahr bringen konnten, so waren dessen Fundamente in Wahrheit eben nicht so massiv, wie die Bismarcklegende es haben will... Eine Großmacht, die diesen Namen verdient, ist vom ewig-meisterlichen Jonglieren mit den fünf; Bällen nicht auf Gedeih und Verderb dauernd abhängig.“

Keineswegs abwegig ist auch der Nachweis, daß die oft geäußerte Behauptung nicht zutrifft, durch den frühen Tod Kaiser Friedrichs III. sei dessen ganze Generation nicht zum Zuge gekommen. Nach Bismarcks Entlassung – teilweise auch schon vorher – rückte eben diese Generation in die politischen und militärischen Schlüsselstellungen ein. Und es ist keineswegs sicher, daß dieser Wechsel Deutschland zum Heile ausgeschlagen ist; denn es „trat jetzt an die Stelle eines nüchtern vom Machtkalkül bestimmten Vorgehens ein gefühlsmäßig festgelegtes“.

Wer allerdings daraus schließen sollte, daß unser Autor zu nüchterner Betrachtung neigt, sieht sich getäuscht. Nach diesen brauchbaren Ansätzen versteigt er sich nämlich unversehens zu den phantastischsten Hypothesen, die man – wenn man sich einmal mit dem historischen Surrealismus dieses Buches abgefunden hat – nur ein retrospektives Plädoyer für den Präventivkrieg nennen kann. Dieser Präventivkrieg hätte nach Barnicks Vorstellungen 1875 ausbrechen oder vielmehr ausgelöst werden müssen. Es sollte „der letzte deutsche Einigungskrieg“ sein. Führen sollte ihn Moltke, der damals tatsächlich an ein solches Unternehmen gedacht zu haben scheint.

In diesem Zusammenhang entwickelt Barnick unter fleißiger Benutzung der zahlreichen Schriften des Feldherrn eine ganze Ideologie, die man angesichts des heutigen Gaullismus rückblickend nur als Moltkismus bezeichnen kann, zu dessen nachgeborenem Propheten Barnick sich aufschwingt.

„Jedenfalls war klar, was nun zu geschehen hatte: Eine diesmal unbefristete und durch Kontributionen nicht ablösbare Besetzung des westlichen Nachbarlandes oder doch seiner wichtigsten Teile lag als natürliches Bindeglied zwischen der mit dem Krieg beendeten Souveränität und der endgültigen neuen Regelung, der offiziellen Einfügung Frankreichs in ein deutsch beherrschtes Europa.“ Hitlers „Neuordnung“ wäre gleichsam vorweggenommen worden.