Ungenutzte Chancen in AfrikaSeite 2/2

Diese Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Um eine bessere Beteiligung der deutschen Firmen zu sichern, wird in einem Memorandum vorgeschlagen, sich erst bei einem Auftragsvolumen von 2,5 Millionen Dollar an den Ausschreibungen zu beteiligen. Erst bei einer derartigen Summe werde der Auftrag so attraktiv, daß deutsche Firmen das erhöhte Risiko einer Auslandsbaustelle zu übernehmen bereit sein würden.

Der Kernpunkt der Vorschläge ist aber eine Art Zwangskartellierung. Danach sollen für Aufträge von mehr als 2,5 Millionen Dollar nur Arbeitsgemeinschaften von Firmen zugelassen werden, die entweder in Frankreich und Italien sowie deren früheren Kolonien oder in Deutschland, Belgien, Holland und deren früheren Kolonien ansässig sind. Dabei soll der der zweiten Gruppe angehörende Partner (also z.B. die deutsche Baufirma) zu mindestens 45 Prozent an der Arbeitsgemeinschaft beteiligt sein. Schließlich sollen die Baufirmen der einzelnen Länder in demselben Umfang an den Aufträgen beteiligt werden, in dem das betreffende Land zur Finanzierung des Entwicklungsfonds beiträgt.

Wie dieser Vorschlag mit den vertraglichen Vereinbarungen in Einklang zu bringen wäre, nach denen jede natürliche oder juristische Person sich an den Ausschreibungen beteiligen kann, ist nicht einzusehen. Brüssel hat sich dazu bisher nicht geäußert, schon deshalb nicht, weil das Memorandum offiziell nur dem Bundeswirtschaftsministerium zugeleitet worden ist. Wenn auch manches dafür spricht, daß von Bonn das Prinzip des Wettbewerbs heute weniger konsequent als früher verfolgt wird, so scheint es doch Hemmungen zu haben, in Brüssel als Abhilfe für die gewiß unbefriedigende Beteiligung der deutschen Bauwirtschaft etwa die Bildung von Zwangsarbeitsgemeinschaften zu unterstützen.

Kenner der Verhältnisse meinen allerdings, daß manches anders und besser gelaufen wäre, wenn nicht die deutschen Baufirmen in den vergangenen Jahren das Schiff nach Afrika ohne sie hätten abfahren lassen. Der Vertreter eines großen Unternehmens meinte, er müsse die Möglichkeit eines Afrika-Auftrags seiner Zentrale geradezu auf silbernem Tablett offerieren, damit man sich überhaupt mit dem Projekt befasse. Dabei ist bei den Aufträgen des Entwicklungsfonds jedes finanzielle Risiko ausgeschaltet. Aber der Markt in Afrika war eben so lange uninteressant, wie man sich im eigenen Lande um Aufträge nicht zu bemühen brauchte, sondern sich die lukrativsten aussuchen konnte. Manche amtlichen Stellen sprechen nur mit Resignation von ihren Bemühungen, deutsche Baufirmen an den Brüsseler Ausschreibungen zu interessieren. Auf 214 derartige Submissionen, durch die 344 Aufträge vergeben wurden, hatten 1321 Firmen Angebote eingereicht. Unter diesen waren nur 30 deutsche.

Wenn davon auch nur zwei Firmen einen Auftrag erhalten haben, dann liegt das nicht nur in den vom Bauverband genannten Benachteiligungen, sondern auch daran, daß die deutschen Firmen meist viel zu hohe kalkulatorische Kosten ansetzen. Ein großes Unternehmen hatte auf gutes Zureden amtlicher Stellen ein Angebot für einen Straßenbauauftrag in Kamerun abgegeben, das nach seiner Meinung zu einem Verlust führen müßte. Im Endergebnis hat es sich, nachdem es den Auftrag erhalten hatte, nicht nur eine gute Ausgangsposition für weitere Aufträge geschaffen, sondern auch noch mit Gewinn abgeschlossen, weil die Lohnkosten in der Kalkulation für afrikanische Verhältnisse viel zu hoch angesetzt waren.

Die Erfolge deutscher Baufirmen etwa in Nigeria oder Ghana beweisen, daß der afrikanische Kontinent nur für denjenigen ein Dunkelfeld der geschäftlichen Chancen bleibt, der die mit jedem neuen Mai t verbundenen Risiken scheut. Der Ruf nach Aufteilung des Marktes durch den Staat – hier die EWG-Kommission – zeugt nicht von besonderem unternehmerischen Wagemut. H. Heinrich Kunze

Zur Startseite
 
Service