15 Minuten jüngstes Gericht

Je bekannter die großen Meisterwerke der Kunst und Geschichte werden, ;e mehr der Touiistenstrom ansteigt, um so großer wird der Andrang in den Museen und Schlössern. Hinzu kommt der Mangel an guten Fuhrern im Fremdenverkehrsgewerbe: Personalmangel, wohin man blickt. Allein aber kann, man die Besucher nicht gehen lassen, sie betasten zu Tausenden Goldtapeten und Möbel und beschädigen schließlich Malereien und Seidenteppiche. In französischen Schlossern an der Loire wird man m Gruppen zu hundert Personen — schnell, schnell, die nächsten warten — mit ganzen Schulklassen durch die Räume geschleust. Einer Klage aus Burgund geben wir hier Raum: ie lange darf man ein Kunstwerk von Rang betrachten, und wer bestimmt das und nach welchem Maßstab? In Beaune, Burgund, darf man vor dem Jüngsten Gericht Rogier van der Weydens nur fünfzehn Minuten zuhören, was der Führer sagt, dann eine knappe Minute die Gnsaillen der Altarflügel anschauen, und dann hat man noch eine kurze Weile, verstohlen das Weltkunstwerk zu betrachten, wenn der Erklärer bei der Tapete ist. Danach geht es durch die Anlagen eines glänzend erhaltenen spätmittelalterlichen Krankenhauses. Der Führer läßt in der Apotheke eine bronzene Retorte ertönen. Man sieht durchs Fenster den alten Herd der Küche, in der heute noch gekocht wird, weil das HotelDieu nach wie vor Krankenhaus ist. Gekocht wird mit modernem Gerät. Im großen Krankensaal ist alles wieder hergerichtet, die Betten, die Bemalung und die Schnitzereien der Deckenbalken und die Fenster. Zu zweit hätten die Kranken in einem Bett gelegen, so seien Bettenmangel und Heizprobleme gelöst worden. Der Führer spricht ein glänzendes Französisch und entläßt die Gäste alsbald durch ein großes Tor, wo ihm jeder, der zuvor schon Eintritt bezahlt hat, etwas in die Hand gibt.

45 Minuten dauert die Führung, und den nachträglich geäußerten Wunsch, den van der Weyden exklusiv und länger zu sehen, beantwortet der Führer mit dem Hinweis, es ständen ja schon wieder viele draußen, die seiner Führung teilhaftig werden wollten. Offenbar bemessen also die Besucher anderen Besuchern die Zeit. Die Anregung eines eigenwilligen Kunstpilgers, eine ausgedehnte Sonderführung nur für das Jüngste Gericht zu veranstalten, wurde abgelehnt: Der Andrang sei zu groß. Nun bat der Querkopf darum, man möchte ihn bis zum Ende der nächsten Führung allein vor dem Bild lassen. Abgelehnt — diesmal vielleicht mit Recht: Man könnte ja schließlich dran kratzen oder Schlimmeres machen. Also noch einmal bezahlen, noch einmal fünfzehn Minuten Führung, noch einmal Trinkgeld? Diese Methode kostet zwar doppelt, ist aber vor allem jenen zu empfehlen, die kein Französisch verstehen und nur die angenehme Stimme des Führers hören, ohne durch die detaillierten Hinweise darauf, mit welcher Akkuratesse der Stoff und die Wiese gemalt seien, abgelenkt zu werden.

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Wer das nicht will, für den bleibt also nur die eine Viertelstunde. Aus, raus! Reproduktion kaufen! Will jemand das Jüngste Gericht, muß er in Beaune auch den Ofen sehen, die Retorte läuten und den Führer reden hören. Fünfzehn Minuten Weltkunstwerk werden einem doch wohl dreißig Minuten Kuriosa wert sein! Wer sich vornahm, Rogier van der Weyden eine Stunde lang zu betrachten oder länger, hatte Pech. Er muß vielleicht im tiefsten Winter kommen.

Ob sich denn nicht ein zweiter Mann finden ließe, der ausschließlich das Bild bewacht, damit es dann ständig zugänglich ist? Gegen Eintritt und Trinkgeld versteht sich, und der einzelne Besucher träte gewiß bescheiden zurück, wenn der Führer mit einer Touristengruppe sein FünfzehnMinuten Programm abwickelte. Man könnte aber auch daran denken, das Bild in ein öffentliches Museum zu bringen, in dem man sichs nach persönlichen Wünschen einteilen könnte.

Den Verdacht, daß die Trinkgeldhäufigkeit der Maßstab der zugemessenen Zeit sein könnte, wollen wir, bitte, gar nicht aufkommen lassen — es spielen sich da unter den Verdammten des Rogier Szenen ab, denen wir uns nicht üblen Leumunds wegen aussetzen wollen. Wir wollen sie auch dem Führer ersparen, wegen seines herrlich gesprochenen Französischs. W. St.

 
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