Abenteuer im Sudan
Gefangen und festgehalten im Land der Negeraufstände / Von Bernhard Grzimek
Die Sache fing eigentlich ganz harmlos an. Nachdem ich in Uganda den Amhpicar, das Schwimmauto, erprobt hatte, wollte ich die letzten paar Tage dieser Reise nutzen und den Rudolf See besuchen. Er ist im Norden Kenyas als einer der letzten von den großen afrikanischen Seen entdeckt worden, genau gesagt am 6. März 1888 von dem reichen ungarischen Grafen Samuel Teleki von Szek zusammen mit dem Leutnant von Höhnel, nach vierzehn Monaten Fußmarsch und vielen Abenteuern und KämpIch machte es mir, siebenundsiebzig Jahre später, etwas bequemer. Dazu mietete ich in Kampala, der Hauptstadt Ugandas am Nordende des Victoria Sees, ein Kleinflugzeug mit einem britischen Piloten. Mit solchen Lufttaxen, meist viersitzigen, einmotorigen Kleinflugzeugen, kommt man in Ostafrika nicht nur sehr viel schneller an sein Ziel, sondern auch billiger. Sie fliegen ja schnurgerade über Wasser und Land, so daß viel weniger Kilometer zu zahlen sind als mit dem Auto auf den wenigen Straßen. Mit mir stieg noch mein Kameramann Alan Root in den leichten, etwas gebrechlich wirkenden Apparat.
Von Entebbe, dem Flughafen Kampalas, bis an die Westküste des Rudolf Sees sind etwa 500 Kilometer zu fliegen, also eine Entfernung wie von FrankfurtMain nach FrankfurtOder oder nach Schleswig. Die letzten anderthalb Stunden ging es über Halbwüsten, Gebirge, unbewohnte weite, gelbbraun glitzernde Flächen mit wenig Grün dazwischen. Das ist das Land der Turkana, umherziehender Rinder- und Schafzüchter, bei denen die Männer auch heute noch meistens nackt umherlaufen.
Zweimal, dreimal schwebte unser Maschinchen am Ufer des Sees im Kreise herum, bis der Pilot sich entschloß, ein paar Stöcke und weiße Steine in einer Sandfläche als markierte Landebahn anzusehen. Das Flugzeug wirbelte eine Riesenstaubwolke auf, als es ausrollte. Ringsum ein paar Palmen, ein einsam wandelndes mageres Dromedar und Sand, Sand, Sand.
Splitterfasernackte junge Manner packen unser Gepäck und tragen es zu einer großen Strohhütte am Wasser. Hier wohnt einsam ein Europäer, em Brite, der den Turkana Nomaden das Fischen im See beibringen soll. Ein recht einsames Leben. Am Abend gehen wir noch schwimmen an einer Stelle, wo es bestimmt keine Krokodile geben soll. Die Sonne gleitet das letzte Stück am wolkenlosen, reinblauen Himmel hinunter, spiegelt sich im ebenso blauen, riesigen See und verschwindet apfelsinenrot hinter graurötlichen kahlen Gebirgen. Das Wasser ist warm, aber schwach salzig.
Als Graf Teleki den Riesensee nach dem österreichischen Thronfolger taufte, hatte er nach einer so langen Reise keine Flasche Wein oder Kognak mehr. Deswegen braute er sich aus dem Salzwasser mit Weinsteinsäure, Kohlensäure und Honig ein Festgetränk, das die Reisendei mit „Hipp, hipp, hurrah" und viel Begeisterurg auf das Wohl des Namensgebers leerten, der allerdings schon ein gutes Jahr später mit seiner Geliebten auf Schloß Mayerling durch Selbstmord endete.
Wie ich barfuß durch den gelben Sand nach der Hütte unseres Gastgebers zurückgehen will, sticht es mich immer wieder scharf in die Füße. Das sind die Gräten von unzähligen Fischen, deren vertrocknete Riesenköpfe überall im Gras verstreut liegen. Auch die Grasbüschel stechen nicht weniger. Wie nur Rinder und Ziegen überhaupt dieses spitzige, harte Zeug abrupfen, zerkauen und auch noch verdauen können! Verhungert genug sehen sie aus.
Hunger ist überhaupt die Hauptsorge hiir. Es hat niemals viel Turkanas gegeben, und die zogen mit ihren Herden in dem Riesenland umher. Vor ein paar Jahren gab es eine Trockenheit, so wie das in Ostafrika wohl alle dreißig, vierzig Jahre einmal vorkommt. Früher verhungerten dann viele Menschen, besonders in diesen Halbwüsten, in der Kolonialzeit aber versuchte man zu helfen. Auch dieses Mal schickte die UN Geld, und man teilte in einem Lager am Südwestende des Sees Lebensmittel aus. Das tut man noch heute, drei Jahre später. Allmählich haben sich Menschen dort hingezogen, die da bleiben, Kinder bekommen, recht ärmlich leben, aber nicht mehr fortziehen. Von ihren Verwandten, den Nomaden im Binnenland, entfremden sie sich immer mehr. Etwa viertausend werden hier gefüttert. Was wird aus ihnen einmal werden, wenn die UN kein Geld mehr für Nahrung schickt? In den nächsten — immer sonnigen, immer windigen — Tagen fahren wir mit dem Motorboot des Fischerlehrers auf dem See umher. Wer das einmal getan hat, kann leicht immer wieder Sehnsucht bekommen, nach dem Rudolf See zurückzukehren. Dabei ist diese Riesenwasserfläche so weltverloren, liegt in einer so trockenen Landschaft. Aber alles ist so klar, so unendlich einsam. Der See ist von Norden nach Süden dreihundert Kilometer lang, er würde von Frankfurt bis München reichen, und er ist fünfzehnmal so groß wie der Bodensee oder halb so groß wie das Land Schleswig Holstein. In den letzten Jahren ist er gestiegen, viel größer geworden wie die meisten Seen Ostafrikas. Wir fahren an abgestorbenen Palmenbäumen vorbei, auf denen Kormorane und Pelikane hocken. Diese Bäume standen einst auf dem Lande, und zwischen ihnen war das erste Haus unseres Fischerfreundes. Wir fliegen auch das Ufer des Sees entlang, halb über dem Land, halb über dem Wasser. An den Landzungen laufen Dutzende Krokodile rasch ins Wasser. Auch ein paar Flußpferde gibt es, Scharen von Oryx Antilopen, Herden von Dromedaren, ohne daß Menschen dabei zu entdecken wären, Zebras, Elen Antilopen. Zählt man sie in den Tagebüchern des Grafen Teleki zusammen, so hat er damals einundachtzig Nashörner, zwei Löwen, fünfundsiebzig Kaffernbüffel, einunddreißig Elefanten, Antilopen, Zebras usw geschossen, gar nicht gezählt die Vögel, die Affen und die vielen nur verwundeten Tiere. Allerdings mußte er damals seine Träger damit füttern. So viele Tiere gibt es heute längst nicht mehr hier.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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