Jugoslawien An der Küste entlang

Empfehlenswert: Im Auto von Opatija über Split nach Ulcinj

ie Transitfahrt durch Jugoslawien ist, nachdem der Ausbau der Strecke Belgrad— Skopje—Thessaloniki fertig wurde, für Autofahrer sehr erleichtert worden. Allerdings ist die Strecke von Österreich über Zagreb nach Belgrad inzwischen ziemlich ausgefahren. Die gesamte Strecke von Graz bis Saloniki ist 1200 Kilometer lang und zum größten Teil autobahnähnlich ausgebaut. Der eilige Autoreisende kommt schnell vorwärts. Dem mehr auf Beschaulichkeit und Schauen bedachten Urlauber sei eine andere Route empfohlen, von der man bereits heute, noch vor ihrem endgültigen Ausbau, als einer der schönsten Küstenstraßen Europas schwärmen kann: die Strecke Opatija—Ulcmj entlang der jugoslawischen Adriaküste.

Auf diesem rund 900 Kilometer langen Abschnitt erhält der Fremde gleichsam einen Querschnitt durch den verschwenderischen landschaftliehen Reichtum des Landes, das keine Anstrengung scheut, in die Spitzengruppe der europäischen Urlaubsnationen vorzustoßen. Von der bizarr zerklüfteten Küsten- und Inselwelt Dalmatiens bis zur mondkahlen Silhouette der montenegrischen Berge — über 900 Kilometer erstreckt sich ein Urlaubsdorado, das, von wenigen Plätzen abgesehen, seinen Weckruf soeben erst vernommen hat, eben durch den Ausbau dieser Adriaküstenstraße, der in den vergangenen Jahren mit beachtlichem Elan vorangetrieben wurde und inzwischen kurz vor seinem Abschluß steht. Der Abschnitt Opatija—Dubrovnik ist bereits fertiggestellt, nur im südlichen Teil fehlen noch einige Anschlüsse. Zur Saison 1966 soll die gesamte Strecke freigegeben sein. Der Autoreisende, der auf dieser Route gen Süden vorstößt, erlebt als grandiosen Auftakt die slowenische Alpenwelt der Karawanken, mit dem sich bis auf 2836 Meter reckenden Triglav, dem höchsten Berg Jugoslawiens. Der im Panorama stark an Oberbayern erinnernden, on klaren Bergseen aufgelockerten Landschaft schließt sich südlich, zwischen der Landeshauptstadt Ljublana und den Adriahäfen Tnest und Rijeka das slowenische Karstgebiet an. Für eine Zwischenstatiori in Postoma — es liegt auf der Strecke — sollte in jedem Falle Zeit sein. Die berühmte Adelsberger Grotte, als drittgrößte Tropfsteinhöhle der Welt bezeichnet, hats gewiß verdient. Sechs Millionen Besucher waren bisher jedenfalls dieser Meinung, seit das annähernd 15 Kilometer messende unterirdische Märchenland im vergangenen Jahrhundert dem Tourismus erschlossen wurde. Als ich weiter in den Süden vordrang, wehte kilometerweit der endlose Gesang der Zikaden m das Wageninnere, Sphärenklänge eines utopischen Filmwerks, allerdings leicht vom Fahrgeräusch verfärbt. Etwas anderes aber urde ebenfalls anhänglicher Begleiter: die Auspuffgase der vielen von übelriechendem Dieselöl getriebenen Lastwagen und Omnibusse auf dieser Srecke. Wie überhaupt die Strecke vom Fahrer äußerste Konzentration erfordert. Einhundert Meter ungewundener Straße sind rar auf dieser vorwiegend auf der Scheide zwischen Meer und Felsgestade verlaufenden, modern ausgebauten Straße, die gleichwohl nach wie vor vom Charakter des Landes geprägt ist. So überrascht den Reisenden nicht selten hinter einer kühnen Kehre eine grasende Schafherde, gehütet von einer jener schwarz vermummten Frauen, deren Alter unter der sengenden Sonne des Landes unbestimmbar geworden ist. Oft tauchen diese wie der zaghafte Baumwuchs der Karstlandschaft geduckter Gestalten auch mit riesigen Bündeln aus Reisig oder Stroh beladen vor dem Kühler auf. Manchmal sind es junge Wasserträgerinnen, die ihre Krüge auf den noch stolz gereckten Häuptern balancieren. Kinder winken jedem Fahrzeug ausgelassen zu als sei es das erste in ihrem Leben. Oft halten sie kleine Zierschildkröten m den Händen, manchmal auch fnschgepflückte saftige Feigen. Wie auf den meisten Küstenstraßen am Mittelmeer muß man auch hier einige Zeit mit der Suche nach einem genehmen Rastplatz zubringen, wenn die Mittagsstunde naht oder eine Ruhepause eingelegt werden soll. Für das Kraftfahrzeug bildet der Karst eine undurchdringliche Barriere zum Meer, und die wenigen StichStraßen" lassen um die Bereifung bangen. Doch stehen gutgeführte Gasthäuser in hinreichender Zahl, überwiegend mit Zugang zum Meer oder eigenem Strand- und Campingplatz bereit, den Gast mit Spezialitaten des Landes zu laben. Jetzt versuchen sich diese Hauser mehr und mehr dem Geschmack der westeuropäischen Touristen anzupassen mit einem Emheitsspeisezettel. Freilich: Gemessen an der französischen Riviera zum Beispiel herrschen hier noch sozusagen prähistorische Zustände, womit der Betrieb, nicht aber so sehr der Grad des Komforts gemeint ist. Wolf gang Moser

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