Auf der Suche nach der neuen Linken
Jo Grimond, ein Liberaler, der für das Zweiparteiensystem kämpft Von Karl Heinz Wocker London, Ende September
Fast jeder Politiker beim Betreten eines Studios aufsetzen — ohne zu ahnen, daß ihre TV Berater viel schlechtere Fernsehpsychologen sind als die m zehn oder fünfzehn Jahren harter Abendfron abgebrühten Bildschirmkunden.
Grimond wird von seinen Liberalen als ein wirklicher „Leader" verehrt, und der Parteitag m Scarborough in der vergangenen Woche hat ihm alle Vollmachten gegeben, die er braucht, wenn er der Partei Boden gewinnen will. Mit zupackendem Geschick hat er die Delegierten sogleich auf seine Schlußansprache als „Plattform" eines kommenden Wahlkampfes festgelegt. Seiner kurzen Rede kurzer Sinn: Die (also auch ich, Jo Grimond) uns von ihr versprochen haben. Vor einer Wiederkehr der Konservativen jedoch möge England von Sankt Georg bewahrt bleiben, mit Amtshilfe durch Sankt Andreas in Schottland. Letzteres ist besonders wichtig, denn die Hälfte ihrer zehn Unterhaussitze gewannen die Liberalen im äußersten Norden der britischen Inseln. In England dominieren derzeit junge Parteiführer. Grimond, Jahrgang 1913, ist drei Jahre älter als Wilson und Heath. Unter schottischen Fahnen aus dem Krieg heimgekommen, machte er sich 1945 an den Wahlkreis der Orkney- und Shetland Inseln heran, eine konservative Hochburg. Schon beim zweiten Anlauf gelang ihm der Sieg. Jetzt hat er dort rund 63 Prozent des Fischervolkes hinter sich. Dort oben ist eine Unterhauswahl mehr als ein Lokalereignis. Man ist 800 Kilometer von London entfernt, und so leicht verirrt sich kein prominenter Widersacher in diese Gegend. Grimond verbringt zwischen den Orkneys und der Hauptstadt viele hundert Stunden des Jahres im Flugzeug. Aus London selbst zu stammen, disqualifiziert im Augenblick geradezu für eine Position in der liberalen Partei. Grimond fürchtet allerdings ein Großstadtauditonum so wenig wie ein Treffen unter lich noch besser als vor der Kamera. Seine rhetorische Begabung — die er als Anwalt entwickelt hat — übertrifft die der beiden Rivalen Wilson und Heath. Ihr ist aber jede Demagogie fremd.
Es ist Grimond gelegentlich nachgesagt worden, er verdanke seinen Aufstieg vor allem der Heirat mit einer Enkelin des liberalen Premierministers Asquith. Diese Version übersieht den entscheidenden Grund. Seit Grimonds Wahl zum Parteiführer (1956) geht es mit den Liberalen langsam, aber stetig aufwärts, wobei der „Leader" und die Partei wechselseitig voneinander profitierten. Aber das wäre nicht möglich gewesen ohne den Knick, den Suez m der Popularitätskurve der Konservativen hinterließ. Edens Rücktritt und der letzte Tiefpunkt des Nachkriegsliberalismus fielen zeitlich zusammen. Im Februar 1957 ging m einer Nachwahl der Wahlkreis Carmarthen verloren. Dadurch schrumpfte die liberale Fraktion von sechs auf fünf. Die Wunde schmerzte um so mehr, als es ausgerechnet die zur Labour übergelaufene Tochter eines anderen liberalen Premierministers, Lloyd Georges, war, die hier wieder ins Unterhaus einzog.
Von da an wendete sich das Geschick der Partei. Die nächsten Nachwahlen zeigten ein Ansteigen des Stimmanteils der Liberalen. Grimonds Schwager Mark Bonham Carter gewann im März 1958 den Konservativen den Wahlkreis Torrington ab. Ein Jahr später prangte Grimonds Bild bereits auf dem liberalen Wahlmanifest. Drei Mandate wurden hinzugewonnen, als 1964 die Ausrichtung auf den Parteichef noch deutlichere Formen annahm. Die Stimmenzahl, die lange Zeit bei rund siebenhunderttausend stagniert hatte, stieg auf über drei Millionen an, jeder zehnte Engländer hatte Grimond gewählt.
Elf Prozent erhielt die Partei im ganzen Lande, aber neunzehn Prozent waren es durchschnittlich in den — nur 364 von 630 — Wahlkreisen, m denen liberale Kandidaten aufgestellt waren. Oder: 1959 rangierten die Liberalen in 26 Wahlkreisen an zweiter Stelle, hatten sich also zwischen die beiden großen Parteien geschoben, 1964 gelang ihnen dies schon m 54 Fällen. Die Partei verbreitet gern sachkundige Schätzungen über ihren vermutlichen Stimmenanteil unter einem modifizierten oder gar reinen Verhältniswahlrecht, das alle versteckten Liberalen erst zu offenen Bekennern machen werde. Das sind Wahlschlösser, die vorerst auf dem Monde liegen, aber sie versorgen die liberalen Parteiredner mit einer hilfreichen Dunkelziffer und dem Slogan, England sei liberaler, als es selbst wisse. Dennoch wäre es ein großes Mißverständnis an zunehmen, daß Jo Grimond darauf hinarbeite, seine Partei als die dritte im Bunde von Westmmster zu etablieren. Sein Ziel sind nicht einfach sechzig oder hundert Liberale im Parlament. Sein Ziel ist nicht einmal eine liberale Regierung, wenngleich er sie begrüßen würde. Er will mehr: Er will eine neue umfassende und nichtsozialistische britische Linke, die Macht und Elan genug hat, England in die zweite Hälfte des Jahrhunderts zu führen, was er weder dem traditionellen Labour Kurs zutraut noch den bisher herrschenden Konservativen. Jo Grimond ist ein Liberaler, der nicht das Drei, sondern das Zweiparteiensystem will „Die englische Politik", schrieb er einmal, „ist während meines ganzen Lebens durch die Haßliebe zwischen Liberalen und Sozialisten verteufelt worden " Wie diese neue Linke ins Leben zu rufen sei, dazu ist jedoch auch Jo Grimond bisher kein anderes Rezept eingefallen als die Verschmelzung von bereits Bestehendem auf dem Wege einer allmählichen Annäherung der linken Liberalen und der liberal denkenden Sozialisten. Grimond weil?, daß dies auf lange Zeit so aussehen könne wie eine Kapitulation des Kleineren vor dem Stätkeren. Es könnte bei Wahlen, in denen sich die Konservativen auf dem Rückzug befinden, der Labour Party den Löwenanteil der Beute eintragen. Was gut ist für Jo Grimond, ist auch gut für Harold Wilson, aber nicht umgekehrt. Eennoch hat der liberale Parteiführer jetzt in Scarborough das „Lib Lab" Bündnis wieder offe iert. Nicht Wilson zu preisen, sei er gekommen sagte er, aber auch nicht, ihn zu begraben. Doci das Parteivölkchen hörte den Marc Anton sehr wohl heraus, und drei Tage lang versuchten die Delegierten alles, um antisozialistische Zusätze in die Entschließungen einzubauen. Grimond freilich blieb bei seiner Überzeugung, daß bis zu den fernen Zeiten seiner neuen Linken die liberalen Interimsziele — Parlaments, Rechtsund Erziehungsreform, Wirtschaftsaufschwung und vor allem stärkere regionale Entwicklung der britischen Inseln — eher mit Labour als mit den Tories zu erreichen seien. Grimond weiß, daß er viele Parteifreunde hat, die das bezweifeln.
Hirold Wilson hat auf dem Parteitag m Blactpool die Offerte Grimonds nicht honoriert, sondern den Liberalen ihre Opposition bei den Hamhaltsberatungen vorgerechnet. Unbewegten Gesichtes hörte der Premier zu, wie der zu den Liberalen tendierende Labourabgeordnete Woodrow Wyatt gleich anschließend den Pakt mit Grimonds Leuten beschwor. Es wird Grimond in Kenntnis der Mentalität der Labourspitze klar sein, daß diese sich nie m eine wirkliche Abhängigkeit von der Zustimmung der zehn Libeialen einlassen wird.
Wis Grimond unter allen Umstanden vermeiden will und muß, ist die Rolle der Negativpartd, die nur verhindert und bremst, die im Ausschuß dreimal laut nein und bei der Schlußabstinmung einmal leise ja sagt. Auch Englands Liberale können ihre Zukunft nicht auf der Schaukel zwischen Regierung und Opposition erncken. Dafür und dagegen zugleich — das ist etwas für Leute mit Sinn für Pfiff, und so zahlreich sind die selbst unter britischen Wählern nicht.
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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