Auftrieb für die Konservativen
Beim vatikanischen Konzil regen sich Widerstände Rom, im September
Vier Momente haben die ersten zwei Wochen der vierten Konzils Session beherrscht dtr Wiedereröffnung der großen Kirchenversarailung m den Katakomben der Heiligen ÜDmitilla hielt Darm zog er eine Parallele zur Verfolgung der frühchristlichen Kirche und beklagte die Versuche der Kommunisten, m Osteuropa das religiöse Leben zu ersticken sanmentritt des Konzils erfolgte — Veröffentlichung der Enzyklika „Mysterium Fidei". Darin verwarf der Papst die von einigen hollandi dien Theologen vertretene Auffassung, die Verwndlung von Brot und Wem wahrend der Messe m Fleisch und Blut Christi sei nur symbolisch zu ve stehen Dies hat den konservativen Theologen de Konzils, die sich gegen allzu viele Neuerungen wenden, neuen Auftrieb gegeben euer Bischofssynode, die ihm hilfreich zur Sete stehen soll, w£nn es die Umstände seiner Arsicht nach erfordern SiEungswoche mit großer Mehrheit (1997 gegen 221 Stimmen) eine Überweisung des Schemas über dieRehgionsfreiheit an die zustandige Kommission be<chlossen, damit begann die Debatte über das grcße Schema von der Stellung der Kirche zur modernen Welt, das Kernschema des ganzen Konzils DM Konzilsvater sind nach Erledigung der allgemenen Diskussion schon in die Überprüfung des Vorwortes und des ersten Kapitels eingetreten Die Dikussion rollt in gedämpftem Ton ab Die Kontra te zwischen den Konservativen und den Refornisten waren — bishei — nicht so scharf wie bei der Erörterung über die Religionsfreiheit Gedanken aus der Katakomben Rede Pauls VI wa en auch m seiner Ansprache bei der Eröffnungssitzung angeklungen Der Papst sprach unumwunden von der „schweren und harten Unterdrückung, die m nicht wenigen Landern die katholische Kirche bedrangt und sie mit beleclmetem Despotismus zu ersticken und auszulöschen droht" Solche Worte hatte man in Rom seit den Zeiten Plus XII nicht mehr gehört Sie stellen kein antikommunistisches Lippenbekenntnis und auch keinen Aufruf zu emem Kreuzzug dar, sie sind vielmehr ein Appell zum Widerstand „Es ist für die Katholiken, die das Gluck haben, in der Freiheit zu leben, nützlich, die Bruder und Schwestern nicht zu vergessen, die ihr Leben m den modernen Katakomben fristen musen, und darüber nachzudenken, daß ohne Wä hsamkeit und Einheit alle das gleiche Schicksal erleiden konnten Der Heilige Stuhl sei stets zu hrlichen und würdigen Verhandlungen bereit und wolle gern das erlittene Unrecht verzeihen, wenn ihm sichere Zeichen des guten Willens gegeben wurden Als unmittelbare Auswirkung dieser päpstlichen Philippika darf wohl die Intervention von Karcmal Slipyi in der Debatte über die Erklärung zui Religionsfreiheit angesehen werden Der ukrainische Erzbischof, der lange Jahre m sowjetischer Gefangenschaft gelebt hatte, forderte einen präzisen Text, wenn man — wie es die lonziliare Erklärung tut — dem Staat erlaube, die religiöse Freiheit zu beschranken, um die cffentliche Ordnung zu wahren Fast immer hatten sich die kommunistischen Verurteilungen von Priestern auf eine angebliche Störung dei öffentlichen Ordnung und des sozialen Friedens gestutzt Die Bischofssynode, die vom Konzil angeregt wurde, ist ein neues zentrales Fuhrungsmstitut, an dem der ganze Episkopat der katholischen Kirche teilhat Die Synode soll sich zum großen Teil aus Bischofen zusammensetzen, die mit Zustimmung des Papstes von unten — das heißt von den nationalen oder übernationalen Bischofskonferenzen — gewählt werden. Sie untersteht der Autorität des Papstes Nur er hat die Macht, sie einzuberufen, wann und wohin er will Sie muß sich also nicht unbedingt in Rom versammeln Rom soll der Sitz eines standigen, vom Papst zu ernennenden Generalsekretars sein Ihm wird die Weltkirche auch nach Abschluß des Konzils m der vatikanischen Zentrale gegenwartig sein Die Einberufung einer ordentlichen Bischofssynode zur Beratung eines vom Papst festgesetzten Themenkreises muß jeweils sechs Monate vor dem Termin dei Zusammenkunft erfolgen Diese weite Zeitspanne soll den Bischofskonferenzen die Möglichkeit geben, ihre für das jeweilige Thema kompetentesten Vertreter zu wählen Die Amter der Synodenmitglieder erloschen mit dem Schluß der synodalen Beratung, für einen neuen Themenkreis müssen also neue Vertreter gewählt werden Der Papst ergänzt die Schar der Experten, die ihm die Bischofskonferenz vorschlagen, durch die Ernennung von Fachleuten, die ncht notwendigerweise Bischöfe sein müssen Ihre Zahl soll jedoch fünfzehn Prozent der gesamten Koiperschaft nicht überschreiten Zum festen Bestandteil der Bischofssynode gehören die Patriarchen und Metropoliten der mit Rom umierten orientalischen Kirchen sowie die Prafekturen und Sekretare der kunalen Kongiegationen Diese Tatsache und die Nichterwähnung der von Paul VI vor drei Jahren angekündigten Kurien Reform haben evangelische Beobachter m Rom zur vorschnellen Behauptung verleitet, die Bischofssynode sei nichts anderes als ein Hüfsprogramm der Kurie Die Mehrheit der Konzilsvater ist jedoch der Meinung, daß die neue Institution das Mitregiment geschaffen habe, das vom Konzil gewünscht worden war „Der Text über die Religionsfreiheit soll" — so heißt es m der vom Konzilplenum gefaßten Entschließung — „im Licht der katholischen Doktrin über die einzig wahre katholische Religion" und ferner „gemäß den Einwanden vervollkommnet werden, die wahrend der Diskussion vorgetragen wurden" Die katholische Kirche soll sich nach dem Schema zu dem zivilrechtlichen Grundsatz bekennen, daß niemand in religiösen Dingen gezwungen werden soll, gegen sein Gewissen zu handeln Dieses Grundrecht wird mit der Wurde der menschlichen Person begründet Zweitens soll der Staat jeder Religionsgemeinschaft die Ausübung der Religionsfreiheit ohne jede Diskriminierung garantieren Die Ausübung der Religionsfreiheit dürfe nur dann von Staats wegen beschrankt werden, wenn sie den sozialen Frieden oder die öffentliche Ordnung störe oder die öffentliche Moral und die Rechte anderer Menschen verletze In keiner Weise hebt — nach dem Text der Erklärung — die Religionsfreiheit jedoch den Anspruch der katholischen Kirche auf, die einzig wahre Religion und die einzige Kirche Christi zu sein Der Giundsatz der Nichtdiskrimimerung kollidiert freilich mit dem Prinzip der Nichtbeteihgung anderer Religionsgemeinschaften, das in konfessionellen Staaten wie Italien und Spanien geübt wird, wo die katholische Religion als Staatsrehgion akzeptiert ist und die Kirdie manche Privilegien genießt Hieran entzündete s ch unvermeidlich eine Kontroverse „Ich halte das Dekret für eine kopernikamsche Tat", hat Kardinal Jager (Paderborn) gesagt Kardmal Ottaviam, der Wortführer der italienischen kunalen Opposition, war anderer Ansicht „Das Wahre und das Falsche sind nicht gleich und können daher auch nicht gleiche Rechte erhalten Ich kann nicht verstehen, warum es zur Wurde des Menschen gehört, den Irrtum verbreiten zu helfen " Angesichts dieser Memungsveischiedenheiten lag es nahe, daß das Schema nochmals zur Re ision an die zustandige Kommission zurückverwiesen wurde Azio de Francisco
- Datum 01.10.1965 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.10.1965 Nr. 40
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