Berliner Kirchenkampf?

über Widerstand und Anpassung im Dritten Reich

i ie Historische Kommission zu Berlin hatte sich im Jahre 1956 die Aufgabe gestellt, den Widerstand während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Berlin näher zu untersuchen. Das erste Ergebnis dieser Arbeit liegt jetzt vor: ein Buch über den Kirchenkampf in Deutschland. Andere Veröffentlichungen (Judenverfolgung, Widerstand der bürgerlichen Kreise und Widerstand der Arbeiterbewegung) sollen folgen.

Im ersten Teil des Buches wird eine Übersicht über die Auseinandersetzung gegeben, die sich nicht nur auf die beiden großen Konfessionen beschränkt, sondern dankenswerterweise auch die „kleinen Glaubensgemeinschaften" — Bibelforscher, Heilsarmee, Quäker und andere — mit einbezieht. Der zweite Teil bringt Dokumente, vor allem aus dem Docvment Center Berlin. Es handelt sich dabei um Schreiben der Gestapo, SD, Flugblätter und anderes mehr. Das Quellen- und Literaturverzeichnis erleichtert den Gebrauch des Buches und gibt Anregungen zur weiteren Lektüre.

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Leider enttäuscht das Buch in mehrfacher Hinsicht. Wer geglaubt hatte, hier werde der Widerstand in Berlin geschildert, kommt kaum auf seine Kosten. Der Band befaßt sich, sowohl in der Darstellung wie in den Dokumenten mit der Situation der Kirche in Deutschland überhaupt. Das ist bedauerlich; eine Detailuntersuchung über das Verhalten der Kirchen in einer bestimmten Stadt könnte wichtige neue Erkenntnisse vermitteln. So aber fragt man sich: liegt kein Material vor, oder haben die Kirchen in Berlin etwa keinen Widerstand geleistet? Was war aber dann mit Propst Lichtenberg oder Erich Klausener? So hat die Ausweitung des Themas dem Buch nur geschadet. Schon das Wort vom Kirchenkampf macht stutzig. Die Literatur der letzten Jahre dürfte doch wohl ziemlich eindeutig gezeigt haben, daß es nicht nur Widerstand und Kampf, sondern auch Anpassung und Übereinstimmung gegeben hat. Veröffentlichungen dieser Art werden dann auch entweder abgetan, wie Böckenfördes Aufsätze, oder nicht beachtet, wie die ausgezeichnete Arbeit Günther van Nordens über die evangelische Kirche im Jahre 1933.

Daraus resultieren dann natürlich falsche und schiefe Darstellungen. So ist etwa in dem von Zipfel zitierten Brief des damaligen Generalsuperintendanten D. Dr. Dibelius nicht nur der Satz zu lesen, nicht das Volkstum, sondern das Reich Gottes sei Gegenstand der Verkündigung, sondern auch der folgende: „Es werden unter uns nur wenige sein, die sich dieser Wendung nicht von Herzen freuen Es ist auch nicht mehr als eine Sage, unter den katholischen Bischöfen habe sich bald eine einheitliche Einstellung zum Nationalsozialismus herausgebildet. Man hat im Gegneteil bei Kenntnis der einschlägigen Akten eher den Eindruck, daß die Auseinandersetzung im Laufe der Jahre immer schärfer wurde. Und keineswegs hat die katholische Presse erst nach schwerem Kampf die Segel streichen müssen. Der größte Teil hat sich selber mehr oder minder gleichgeschaltet. Nur wenige Zeitungen wie etwa die Rhein Mainische Volkszeitung oder die Zeitschrift „Hochland", deren Haltung keineswegs repräsentativ sind, haben versucht, der NS ldeologie zu widerstehen. Auch eine Anzahl von Einzelbehauptungen entspricht nicht den Tatsachen. So ist es nicht wahr, daß das Parteiprogramm nach der Wiederbegründung der Partei m den Hintergrund getreten wäre. Bis 1933 erschien Rosenbergs Kommentar in 170 000 Exemplaren. Von der Ausgabe Gottfried Feders wurden 200 000 Stück aufgelegt. Weiterhin ist es eine bis heute unbewiesene Behauptung, daß die Kurie das Zentrum sozusagen im Austausch gegen das Konkordat fallen gelassen habe.

Die veröffentlichten Aktenstücke sind zum größten Teil sehr interessant. Sie zeigen, von welchem Haß viele Nationalsozialisten den Kirchen gegenüber erfüllt waren. Auf Schritt und Tritt spürt man, wie die Tatsachen zu Ungunsten der Kirche entstellt werden, damit man daraus neue Vorwürfe zurechtmachen kann (Deshalb sind sie auch wenig geeignet, unbesehen als Entlastungsmaterial für die Einstellung der Kirchen verwendet zu werden, wie es in der letzten Zeit öfter gefordert wird; auch die Gestapobeamten hatten ihre Vorurteile, die man in Rechnung stellen muß, wenn man nicht zu Fehlschlüssen kommen will ) Auch hier wird wieder deutlich, wie sehr man auf Seiten der Kirchen an den eigenen Interessen klebte und die Aufgabe der Brüderlichkeit vernachlässigte Hans Müller

 
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