Berlins neuer Generalmusikdirektor

Lorin Maazel sieht nicht so skeptisch in die Opernzukunft / Von Heinz Jose! Herbort

as Schild vor der roten Klinkervilla in der Dahlemer Thielallee trägt noch den Namen eines früheren Bewohners. Der Sekretär — in weißer Jacke, „Parlez voas franfats?" — führt den Besucher durch ein großes Musikzimmer über eine Terrasse auf gepflegten Rasen. Ab und zu eine britische oder amerikanische Maschine, die niedrig über das Haus hinwegbrummt, ansonsten ist angenehme Ruhe um die Residenz des zweitmächtigsten Mannes im Berliner Musikleben, des neuen Generalmusikdirektors der Westberliner Deutschen Oper und Chefs des Rundfunk Sinfonie Orchesters Berlin, der in diesen Tagen seine Arbeit aufnahm.

Als Lorin Maazel im Januar 1964 in diese beiden Ämter berufen wurde, war er noch nicht vierunddreißig. Vierzig Jahre zuvor hatten die Berliner in einem ähnlich kühnen Schritt einen ähnlich jungen Mann promoviert, als sie den dreiunddreißigjährigen Erich Kleiber an die Spitze der Staatsoper Unter den Linden stellten und damit eine Konstellation aufbauten, die in den Jahren vor 1930 das berühmte Quadrumvirat in Berlin brachte: Kleiber an der Staatsoper, Klemperer an der Kroll Oper, Bruno Walter an der Stadtischen Oper in Charlottenburg und Furtwängler am Pult der Philharmoniker. Diese großen Zeiten sind dahin; allein die Berliner machen sich auf das neue Duo Karajan— Maazel Hoffnungen, die gewiß nicht unbegründet sind.

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Lorin Maazel wehrt sich dagegen, als Wunderkind apostrophiert zu werden. Doch wird man kaum umhinkönnen, die frühe Begabung und schnelle Karriere ungewöhnlich zu nennen. In Paris wurde Maazel geboren, in Los Angeles wuchs er auf, Kind einer Familie, die Flämisches mit Slawischem und Romanischem, Musik mit Wissenschaft vereinte.

Dem Fünfjährigen gab der ehemalige Musikdirektor des Moskauer Theaters, Wladimir Bakalejnikow, ersten Geigenunterricht; dem Siebenjährigen drückte er einen Stab in die Hand, zeigte ihm, wie man Schuberts „Unvollendete" dirigiert, nahm ihn mit in die Universität nd ließ ihn eine Probe des Studentenorchesters leiten, übertrug ihm schließlich ein Konzert.

Zwischen 1938 und 1946 lagen dann jährlich bereits zehn Auftritte: „Ich ging zur Schule, jeden Tag, und am Wochenende dirigierte ich so ein Orchester " Auf der Weltausstellung 1939 in New York stand der Neunjährige am Pult bei einer Aufführung von Mendelssohns „Italienischer". Toscanini lud ihn wenig später ein, drei Wochen hindurch das NBC Orchester zu dirigieren. Nach 1946 schien es zunächst so, als wollte Maazel Geiger bleiben. Er begann zu konzertieren, wurde in Pittsburgh Primarius des dortigen das Pittsburgh Symphony Orchestra ihn als zweiten Dirigenten.

Entscheidend für Maazel war eine Begegnung mit dem italienischen Dirigenten Victor De Sabata, der dem an seiner Begabung Zweifelnden — „Ich sah soviel Mediokrität, ich wollte nicht auch noch medioker sein; Kunst muß jederzeit Gewicht, Bedeutung haben" — Mut machte, ihm riet, viel zu studieren, ihn außerordentlich beeindruckte: „Eine wunderbare Mischung von Musikalität, Phantasie und Gedächtnis " 1952 kam Maazel nach Europa. Von Rom aus gastierte er in aller Herren Landern, dirigierte bei Festivals und in berühmten Opernhäusern, holte sich Auszeichnungen und blendende Kritiken, spielte auch gelegentlich noch Solokonzerte. 1960 engagierte Wieland Wagner ihn für „Lohengrin" nach Bayreuth, 1963 feierte er in Salzburg mit „Figaros Hochzeit" Triumphe. An der Musiker Börse kletterte der Index für Lorin Maazel immer höher.

Des ständigen Hin und Her ist der Fünfunddreißigjährige im Augenblick jedoch müde: „Es mag für das Bankkonto zwar ganz gut sein — aber wann ruhe ich aus? Ich liebe Ferien " Sein Vertrag, vorerst auf drei Jahre abgeschlossen, verpflichtet Maazel, sieben Monate im Jahr, davon sechs ohne Unterbrechung, in Berlin zu sein. Das Flugzeug seines Berliner „Kollegen" Herbert von Karajan wird noch ein Weilchen allein im Hangar stehen.

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