Bilanz einer "Weltausstellung"

Einen schütteren Sommer lang durfte sich L München, bisher das „Domroschen" anter den konkurrierenden deutschen Messestädten, in dem Gefühl sonnen, das deutsche Ausstelhigs wesen mit einer besonderen Attraktion zu repräsentieren Der Sommer hielt jedoch nicht, was ei versprach, das schlechte Wetter beeinträchtigte zweifellos den Erfolg der „Internatioialen Kommt die so anspruchsvoll avisieite, erste Weltausstellung des Verkehrs" dennoch auf ihre Rechnung Am nächsten Wocherende schließt sie nach hundeittagiger Dauer ihre Tore Doch schon jetzt laßt sich die Frage nacb der Bilanz dieser Schau beantworten die finanzielle Kalkulation durfte gerade noch aufgehen Ob das mittelbare Hauptziel dei IVA ebenfalls erreicht wird, dem Messeplatz München mit einem Schlag zu dem ersehnten Auftrieb zu ver helfen und Münchens überregionales Austellungsprestige aufzupolieren, muß erst die Zukunft zeigen Die Aussichten dafür sind jedoch nicht ungunstig, München konnte zu einem Messeplatz der Spezialitäten werden Erst spat hat man sich in der Bauern Metropole auf eine zielbewußte Messepolitik festgelegt Die Hilfskonstiuktion des „Auistel lungsparks" als eines eingetragenen Vereins stand allzu lange einer systematischen Ausnutzung allei Möglichkeiten entgegen So leiommierte alljährliche Veranstaltungen wie Handwerksmesse und „Bauma" — Internationale Baumaschinen Messe mußten erst mühsam mit Duichfuhrungs vertragen" an die Mttnhr>er den, als diese Anfang 1964 endlich konstituiert worden war (60 Piozent des Kapitals lieget bei der Stadt München, 30 Prozent beim bayerischen Staat und je fünf Prozent bei der Industrie und Handelskammer und bei der Ilandwetkskamner) Immerhin ist jetzt der Ausbau des ]Vessegelandes und die Konzentration im Messewesen so weit foitgeschntten, daß man auf eine bessere Zukunft hoffen kann Itn Ausstellungsparl auf der Theresienhohe — der für die Bauma allerdings nicht geeignet ist — wurden in den letzten zwei Jahren rund 45 Millionen Maik investiert Bei einem Areal von 330 000 Quadratmstern stehen 68 000 Quadratmeter Hallenflache bereit Naturlich waren diese Mittel nicht so rasch genehmigt worden, wenn nicht die herannahende IVA wie ein Alptraum auf den Gemütern dei Münchner Messestrategen gelastet hatte Zweifellos hatte man mit den Vorbereitungen für die Verkehrsausstellung begonnen, ohne sich zunächst darüber im klaren zu sein, was man sich damit aufbürdete Böse Zungen meinen heute noch, einige Leute hatten nui eine Beschäftigung gesucht und seien deshalb auf den Gedanken gekommen, den Veikehrsausstellun gen dei Jahie 1925 und 1953 eine dntte Schau in großem Stil mit mtemauonalei Beteiligung folgen zu lassen Kaum jemand erhob zunächst Einwendungen gegen die Plane, als sie voi sechs Jahien bekannt R arden Schon bei den ersten Gesprächen det damaligen Münchner Messestrategen mit den ustandigen Bonner Ministerien wurde den Vatein und Pflegevätern die Idee einer umfassenden Präsentation des Veikehrs und des Nachrichten wesens nahegelegt Sie sollten doch eine internationale Ausstellung organisieren, da diese Gebiete auf „nationaler Ebene" nicht mehi treffend darzustellen waren Dei nächste Schutt wai 1962 die Anerkennung dei IVA als internationale Fachausstellung auf Antiag des Bundeswirtschaftsmimsteiiums und des Auswärtigen Amtes Damals sprach zwar bereits alles on dei IV A, aber erst leichlich spat liefen die eigentlichen Vorarbeiten an Wahrend der entscheidende! Phase mußte im letzten Jahr ein neuer deutschet Regierungskommissar benannt werden, weil der erdiente erste Inhaber dieses Amtes aus Gesundheitsgi unden zui ucktrat Auch der völlig unnötigerweise zum „Generaldirektor" der IVA bestellte frühere Münchner Messe direkter trat mit einem Mal in den Ruhestand Der Hauptgeschaftsfuhier dei Messe GmbH, dei frühere stadtische Tiefbaureferent Helmut ihi „geschaftsfuhrender Präsident" die Zügel m die Hand und versuchte, das Beste aus dem Schauprojekt zu machen Mit haiter Hand schaffte ei im Ausstellungspark selbst Ordnung wobei ihm sein Einfluß bei den Stadtvatern und seine selbstbewußte Art zugute kamen Fm andeier hatte schwerlich solch hohe Inestitionen durchgesetzt, denn zu den genannten 45 Millionen Mark kamen noch einmal 20 Millionen Mark für den Ausbau der Stiaßen und Paik platze nngs um dds Messegelinde auch dies eine auf die Dauer unumgängliche Ausgabe Doch der gefällige Rahmen des aufgemöbelten Messegelandes, der bei der IVA um eistenmal voll zur Geltung kam, mußte nun so ausgefüllt weiden, daß die, Weltausstellung" nicht gar zu sehr enttauschte Sie mußte so attraktiv gemacht werden, daß es finanziell zuminde t keine „Pleite" gab, wie viele Kritiker befurch teten Fischer meinte dazu bildhaft, er habe, auf einen fahl enden Zug aufspringen" müssen Als er die Leitung in die Hand nahm, wai vieles bereits gelaufen — oder auch nicht Die Autoindustrie etwa war nicht zu einer aktiven Teilnahme zu bewegen gewesen — von histotischen Oldtimei Reminiszenzen und dem nicht gerade überzeugenden BMW Stand abgesehen Im jähr der Automobilausstellung war das sogai begreiflich Ein Schmerzenskind dei Veranstalter blieb bis zuletzt die Luft und Raumfahrt Hiei hatte man die Erwartungen so überstrapaziert, daß das Ergebnis voi allem auf dem großen Freigelände enttäuschen mußte Wein mär s emgstens hatte sagen können, die IVA zeige hiei ywai zuwenig, aber was sie biete, entspreche immerhin dem Niveau, das man von einer solchen Schau verlangen muß Man konnte dis nicht behaupten Die ausgezeichneten und gut durchdachten Beitrage vor allem der Bundespost und mit einem gewissen Abstand auch der Bundesbahn und dei Seeschiffahrt konnten die vie!en schwachen Punkte der Ausstellung nicht wettmachen Kuiz, die IVA konnte kritische Besucher nicht zufriedenstellen Die Exponate dei 36 beteiligten Lander waren zu unterschiedlich Fs gab zuviel Leerlauf und Mittelmaß auf den 500 000 Quadratmetern Zum Gluck sind die kritischen Besucher in der Mindeizahl gewesen Wenn man den Umfn gen glauben darf, die von einem als neutral be zeichneten Institut voi genommen wurden, so hat bei der zweiten Befragung zu Beginn de< dutten IVA Monats nui ein Prozent von 2000 Besuchern sich unzufrieden über die Schau geäußert, 94 Prozent seien von ihr angetan ge wesen und fünf Prozent ohne Meinung Bei dei eisten Eikundung nach der Ei Öffnung waren zwei Prozent der Urteile negativ Auffallend, daß zunächst die Flauen nur zehn Piozent dei Besucher stellten, wahrend sie nach der Halbzeit — den Stichproben zufolge — aui einen Anteil von 30 Prozent kamen Aus dem Ausland kamen rund 12 Prozent, wobei die europaischen Nachbarstaaten dominierten, au? beruflichem oder sonstigem dienstlichen Inte esse 14 Prozent der Besucher Erwahnensweit ist daß Luft- und Raumfahit m der Gunst d< s Publikums weit vorne rangierten, wahrend nach vnsicht fachkundiger Kritiker gerade hiei eine Schlagseite" der Ausstellung lag Droht nun abei dei IVA zum Abschluß ein Defizit Das wird deshalb nicht der Fall sein, weil man trotz dei hochgespannten Eiwattungen bei den Kalkulationen recht vorsichtig war Zwar hoffte man auf fünf oder sechs Millionen Besucher, aber die Betnebsrechnung wurde von Anfang an auf drei Millionen zahlende Besucher abgestellt Und an diese Zahl wird man — zu sammen mit den 900 000 Voi verkauf skarten — % ahrschemlich herankommen Ohne das I ock mittel des unmittelbar benachbarten Oktoberfestes wahrend der letzten zwei Wochen wurde man das gesteckte Ziel allerdings kaum etre chen Durchschnittlich 30 000 Besucher an einem Tag sind keine Sensation, bestenfalls ein Achtungserfolg Das Gesamtbudget dei IVA durfte auf 16 bis 17 Millionen Mark veranschlagt sein Die Standmieten für die Hallenflache haben — bei gut 100 Mark pro Quadratmeter — annähernd sechs bis sieben Millionen Mark gebracht Somit mußten also rund zehn Millionen Mai k durch die Fmtnttsgelder gedeckt werden Dabei kann man natürlich nicht die sechs Mark für eine normale Tageskarte zugrunde legen Bei dt n Ver billigungen fui Nachmittagskarten, Schulen Gruppen und Vorverkaufen wild man einen Duichschmtt von 3 50 Mark für die zahlenden Besucher annehmen dürfen Also mußten, knapp drei Millionen Karten verkauft werden, wenn dei IVA kein Veilust beschieden sein soll Selbst Skeptiker meinen, daß nan dies schafft Naturlich konnte die Einnahmen- und Aus gabenrechnung nicht auf die 45 Millionen Mai k abgestellt werden, die aus Anlaß der IVA in das Gelände investiert worden sind (die MesseGmbH hat dafür langfristige Hypothekendailehen auf das von der Stadt eingeräumte Eibbaurecht aufgenommen) Man konnte nur um eine anteilige Amortisation bemuht sein, ihi entspricht der Betrag, den die lechtlich selbständige IVA als Miete an die Messe GmbH zahlen muß Übei die Hohe schweigt man sich aus, ebenso über die Kosten für Organisation, piovisorische zusätzliche Hallen, Betrieb dei Ausstellung, Werbung und Reisen Mit 17 Millionen Mark soll all dies abgedeckt werden Eine andere Frage ist, ob die Ausstellet auf ihie Kosten gekommen sind Für ihre Schaustucke haben sie nach Schätzungen rund 200 Millionen Mark aufbringen müssen Doch nur ein l eil davon, höchstens ein Fünftel bis ein Viertel, ist als verloren anzusehen Die meisten Exponate sind nicht eigens für die IVA geschaffen worden oder können weiter verwendet werden Für die spezielle Gestaltung der Stande wuiden schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Mark aufgewendet Es ist schwer, den Werbeeffekt dagegen aufzurechnen Zieht man die Bilanz, so wird — wenn die befürchtete „Pleite" auch ausblieb, niemand daran denken, die IVA als Musterbeispiel für eine wohlgelungene „Weltausstellung" anzusehen Zuviel blieb Stuckwerk, unvollkommen und unzulänglich Die Organisation hatte viele Schwachen Den einzelnen „Fachausschüssen" fehlte offensichtlich eine von Anfang an koordinierende straffe Hand Sollten wieder einmal ähnliche Plane luchbar werden, so wird man aus den Munchnei Erfahrungen lernen müssen

 
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