Das Fernsehspiel - Theater oder Film?

Die Praxis wirft zuweilen Theorien über den Haufen — Ein Preis für Peter Lilienthal Von Heinz Ungureit

Zum zweitenmal vergibt die Deutsche Akademie der darstellenden Künste (in Frankfurt am Main) in diesem Jahr ihren Fernsehpreis. Wieder hatten die Chefs der Fernsehspielabteilungen, die Programmdirektoren, die Akademie und zuletzt die Juroren — getreu der Satzung des Preises — nach jenen Werken zu suchen, die „die ästhetischen Möglichkeiten und Erfahrungen des Fernsehens erweitern und bereichern". Das gesamte Angebot: knapp zweihundert abendfüllende Fernsehspiele im Ersten und Zweiten Programm; im engsten Wettbewerb um den Preis: acht; preiswürdig in den Augen der Jury: zwei, von denen sie sich für Peter Lilienthah „Seraphine entschied. Genannt wird von den Juroren ferner einem deutschen Konzentrationslager, „Ein Tag". Die Schwierigkeiten solcher Preisverleihungen liegen auf der Hand. Noch hat niemand genau definieren können, wo die ästhetischen Möglichkeiten des Fernsehspiels liegen. Viele Stile und Profile haben sich entwickelt und wieder verbraucht. Theaterverfilmungen wurden in elektronischen Fernsehstudios mit elektronischen Kameras zur neuen Gewohnheit, Literatur von Dostojewski] bis Kafka wurde dem neuen Medium angepaßt, Autoren und Regisseure sannen nach eigenen Formen. Aus dem Vielerlei der Möglichkeiten, die alle entweder dem Theater oder dem Film zuzuordnen waren, schlössen Praktiker wie Oliver Storz, das Fernsehen sei im Grunde nur Transportmittel.

_ Aber die Deutsche Akademie der darstellenden Künste, der bekannte Theater- und Fernsehleute angehören, setzt stillschweigend voraus, ästhetische Möglichkeiten und Erfahrungen des Fernsehens gebe es nicht nur, sondern sie ließen sich auch ständig erweitern und bereichern. Jedes Jahr wird nun von neuem erprobt, wo die Erweiterungen und Bereicherungen sind.

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Ebenso stillschweigend wie die Akademie bei ihrem Preis von einer eigenwüchsigen Ästhetik des Fernsehspiels ausgeht, haben sich in der Praxis xmter der Hand gewisse Regeln eingebürgert, an die ein Großteil der Regisseure, Autoren und Dramaturgen unbedingt zu glauben scheint. Zu diesen Regeln gehört der Satz von den größeren szenischen Einheiten als beim Film, von der Tendenz zum Halbnahen und zur Großaufnahme, von der Gleichrangigkeit der Dialoge mit dem Bild.

Der Erfolg des Spielfilms aller Kategorien als wesentlicher Bestandteil des Spielprogramms im Fernsehen kann manche Regisseure nicht beirren, läßt sie im Gegenteil weiterhin vor allem „Filmischen" im Fernsehspiel zurückschrecken (Was dabei herauskommt, wenn man nur nach TheaterUsancen verfährt, hat eben Kurt Wilhelm, der eifrigste Verfechter dieser Richtung, mit seiner Inszenierung der „Südsee Affäre" von Noel Coward bewiesen, in der er so weit ging, ein nur zu bekanntes Schauspieler Gesicht dunkel anzustreichen und als Farbigen auszugeben. Solche Maskerade wirkt selbst in ironischer Absicht auf dem Bildschirm nur lächerlich ) „Filmische" Verfahren werden heute bestenfalls dem Kriminalspiel, dem Dokumentarspiel oder in Ausnahmen noch der Satire zugestanden. Sonst hält man die „durchgespielte" Szene für angemessener und wohl auch seriöser.

Und doch denkt der aufmerksame Betrachter zunächst an Peter Lilienthal, Rainer Erler, Egon nach den originalen Bemühungen um das Fernsehspiel gefragt wird. Peter Lilienthals groteske „Seraphine", jene subtil ironische KleinbürgerFarce über verrückte Anhänglichkeit an Seeungeheuer und gefräßige Tanten, kennt keine „größeren Einheiten". Die lebendige Kamera, die auf ausgesuchteste Bildassoziationen aus ist, schaft eine eigene Welt, die der realen ebenso wie der Theater Wirklichkeit enthoben ist. Im kommerziellen Spielfilm würde man dergleichen für zu hintergründig, zu inhaltsarm halten, um so verwirklicht zu werden. Das Fernsehen also konnte beweisen, daß auch hier die Art der Präsentation ihren eigenen Inhalt, ihre eigene enthüllende Wahrheit hat. Von purer ästhetischer Spielerei ist Lilienthal so weit entfernt wie Godard in seinen Filmen, die übrigens („Eine verheiratete Frau") manches vom Fernsehen aufgenommen haben.

Der Zuschauer, längst gewöhnt an das Eingängliche, Leichtfaßliche, Durchgespielte, hat es schwer mit solchen hintersinnigen Bildsprüngen wie denen von Lilienthal. Ihnen ist ohne eine wie ueueii von LHieuuicU innen ist oune eine - - , lineare Sicht, die das übliche Fernsehspiel vermittelt und erfordert, ist hier ersetzt durch eine komplexe, dialektische. Welche Art des Sehens heute der Wirklichkeitserfahrung eher entspricht, bedarf keiner Frage. Dem Zuschauer muß, will man ihn nicht ganz und gar „einspurig" verderben, hier und da etwas zugemutet werden. Lilienthals spielerischer Versuch ist da beispielhaft, sollte keine Ausnahme bleiben, wenngleich er laut Infratest Befragung von den Zuschauern zunächst schlecht honoriert worden ist. Die „Seraphine" brachte zweifellos seit langem die überzeugendste ästhetische Bereicherung des Fernsehspiels. Vor allem, weil sie mit lieb(weil bequem ) gewordenen Legenden und Regeln aufräumte. Der Bildschirm läßt auch (und nicht zuletzt) dies zu. Aber ein telegenes Stilprinzip kann man daraus nicht ableiten. Das montierte, zeitkritische Dokumentarspiel ist dadurch nicht weniger legitim geworden, daß es inzwischen seine Fernsehtradition (durchaus nicht nur mit gelungenen Beispielen wie „In der Sache J Robert Oppenheimer") hat und von einigen Autoren mehr und mehr auf das Theater übertragen wird. Peter Weiss „Die Ermittlung", Heinar Kipphardts „Joel Brand", Wolfgang Graetz „Die Verschwörer" und Rolf Hochhuths „Arbeitgeber" sind nur einige Stücke, bei deren Diskussion man entsprechende Vorgänger im Fernsehen nicht übersehen sollte „Joel Brand" ist ohnehin auf der Bühne eine Zweitaufführung, wie es vorher „In der Sache J. Robert Oppenheimer" auch war.

Beinahe möchte man vor dem allzu eilfertig montierten Dokumentarspiel warnen, vor allem, wenn es so zur Routine wird wie bei dem vielbeschäftigten Autorenteam Matray—Krüger. Und wenn sich gar verlogene Reißer wie eben die dreiteilige Diamantenschmuggelei in Südafrika („Diamanten sind gefährlich") als Dokumentarspiel ausgeben, kann der Zuschauer restlos irre werden. Aber da die Bühne mittlerweile solche Anleihen beim Fernsehen macht, sollte man mit der Bildschirrnschelte zurückhalten und die Prioritäten nicht aus dem Auge verlieren.

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