Das verletzte Rechtsbewußtsein

Politisch-moralische Anmerkungen zu Uwe Johnsons „Zwei Ansichten" / Von Horst Krüger

Die Situation ist nicht ohne Ironie: In einem Augenblick, wo die Technik manieristischer Prosa kräftig unter die Leute gekommen ist und junge Autoren deren Vorzüge mit der Fertigkeit blitgescheiter Epigonen handhaben, legt der Initiator dieser Technik bei uns ein Buch vor, das zunächst einmal durch seine formale Unkompliziertheit und traditionelle Technik überrascht. „Zwei Ansichten" ist Johnsons viertes Buch. Gemessen an seinen „Mutmaßungen über Jakob" und dem „Dritten Buch über Achim" ist es ein Roman von geradezu klassischer Einfachheit, Ausgewogenheit und Symmetrie. Man kann ihn statt mit dem hilfreich notierenden Bleistift diesmal getrost mit Zirkel und Lineal vermessen; die äußeren Proportionen sind fast exakt. Hier wird nicht mehr gemutmaßt, keine Beschreibung wird durch die Beschreibung dieser Beschreibung zurückgenommen. Johnson erzählt kontinuierlich und unchiffriert jenes „unerhörte, neue Ereignis", das Goethe von der Novelle forderte. So ist eine überraschend lesbare, ja spannende Geschichte entstanden, mit Sicherheit nicht sein kunstvollstes Buch, aber sein persönlichstes und politischstes. Stärke und Schwäche dieses Autors liegen wie in keinem anderen Buch offen zutage. Es ist ui gemein aufschlußreich für die Position dieses schwierigen und oft dunklen Autors.

Der Rückgriff auf die traditionelle Erzihlform scheint mir nicht zufällig; dafür arbeitet unser Autor viel zu kontrolliert. Er scheint mir zwangsläufig aus dem Thema erwachsen. Wenn ich es recht sehe, so hat sich bei die em Autor, der uns seit Jahren als kunstvoll pedaitischer Anatom der deutschen Teilung offeriert wird, die politisch moralische Position um eine geringfügige, aber entscheidende Nuance rerschoben. Noch im „Dritten Buch über Achim", dieser Beschreibung einer Beschreibung, die stekkenbleiben mußte, weil die Wahrheit in einer gespaltenen Welt nicht zu ermitteln ist („Wie war es denn?" heißt es zum Schluß resignierend), durfte man annehmen, Johnson stehe „über" den beiden Deutschland; er beschreibe ak Urbeteiligter, als wissenschaftlicher Anatom einfich, was ist und vorgefunden wird. Ein Kinsey der deutschen Teilung, ein Marcel Proust unserer zerstrittenen Nachkriegsgeschichte — gewiß für viele eine ärgerliche und anstößige Situation. In diesem Sinn hat sich der Autor selber anläßlich der bekannten Mailänder Kontroverse mit Hermann Kesten geäußert. Johnson nahm damals, im November 1961, das Recht des Erzählers in Anspruch, nichts als eine Geschichte zu erzählen. Er verbat sich die Absicht, mit dieser Geschichte politisch moralisch Stellung zu nehmen. Zum Streitgegenstand, der Berliner Mauer, sagte er: „Die ostdeutschen Kommunisten haben, als sie diese Mauer zogen, nicht die Absicht gehabt, unmoralisch zu handeln, sondern sie befanden sich in der Notwehr. Hier von Immorahtät zu sprechen, heißt Geschichte mit moralischen Vorwürfen zu vermengen, heißt implizit zn sagen, der Kommunismus wäre immoralisch. Ich meine nicht, daß die Aufgabe der Literatur wzre, die Geschichte mit Vorwürfen zu bedenken " Und wenig später akzeptierte er für seine Person (in den „Werkstattgesprächen" mit Horst Bienek) im übertragenen Sinn das Bild des Autors, der nicht diesseits, nicht jenseits der Mauer, sondern gewissermaßen auf der Mauer sitze, mit nichts anderem befaßt, als beide Se ten zu Protokoll zu nehmen.

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Vier Jahre nach diesem Ereignis legt Johnson nun einen Roman vor, der sich ausschließlich mit diesem Thema, dem 13. August 1961 und seinen Folgen, beschäftigt.

Ich meine, das kann nicht ohne Grund sein, es sollte uns nachdenklich machen. Spürte er vielleicht, daß seine damaligen Äußerungen neu zu durchdenken wären? Mir scheint jedenfalls, daß er seine politisch moralische Position von 1961 beträchtlich revidiert hat. Hier ist von der alten Position deskriptiver Neutralität und äshetisch poetischer Unbetroffenheit nur noch eins übrig geblieben — der Titel. Dieses Buch kommt aus der Tiefe einer Verwundung, die nicht verheilt ist, es kommt aus dem verletzten Redusbewußtsein eines Burgers, der die DDR ertragen, erdulden, nicht antasten wollte, solange sie ihm nicht das Bewußtsein des Vermauertseins uer — rs Zwei Ansichten" ist vier Jahre nach diesem schockierendsten Ereignis der deutschen Nachknegsgeschichte der zähneknirschende Protest eines tiefverwundeten Schweigers. Es ist kein Roman der zwei Deutschland j schon gar nicht eine Liebesgeschichte aus dem geteilten Berlin. Die Zeit der Mutmaßungen, auf der Mauer" ist vorbei.

Dies mag Gewinn oder Verlust sein — es ist auf jeden Fall die Ausgangsposition, die diese Geschichte in Gang setzte. In zweimal fünf Kapiteln, die jeweils in West und Ost spielen, wird uns die Geschichte zweier junger Leute erzahlt Der holsteinische Bildjournalist B, fünfundzwanzig Jahre alt, agil, ziellos und von jener blanken Mittelmäßigkeit, die bundesrepublikanischen Durchschnitt spiegeln soll, ist in einer flucht gen Liebe mit der Ostberliner Krankenschwester D. verbunden. Die Verbindung bleibt ungenau und ungefähr; für den jungen Herrn B sind Mädchen ohnehin mehr private Attribute zur Komplettierung seiner modischen Autoausstatung. Die Krankenschwester D hingegen stellt jenen dumpfen, getriebenen, aber auch zu Bockigkeit neigenden Tochtertyp Potsdamer Kleinbürgertums dar, aus dem sich in Deutschland offenbar ebenso mühelos das weibliche Personal des BDM wie der FDJ rekrutieren läßt.

Soweit ist die Ausgangslage noch klassischer Uwe Johnson: Zwei Menschen, die zwangsläufig Produkt ihrer unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen sind, werden in ihrer Fremdheit und kommunikativen Verfehlung beschrieben. Aber nun geschieht etwas, was neu ist: „Durch Gerüchte erfuhr die D ihre Lage zuverlässiger als aus den Zeitungen ihres Staates. Faßlicher noch als eine Rundfunkstimme ans der Weststadt trug ein Blickwechsel zwischen Tür und Angel der Schwesternzimmer in ihrem Bewußtsein die Veränderung der Grenze nach: wo Straßen aufgerissen wurden, vermauert, verdrahtet, verstellt, mit Hunden bewacht. Die Grenze war in die Erde gesenkt " Der Satz hat Größe und Gewicht in sich und markiert die innere Mitte dieses Romans: Die Grenze war in die Erde gesenkt. Diese Grenze wird selber zum Agens der Handlung. Es ereignet sich nämlich das Merkwürdige, daß beide sich eigentlich erst durch und nach dem Bau der Mauer auf unbeabsichtigte Weise aufeinander zuzubewegen beginnen. Diese Mauer trennt nicht nur, sie treibt auch auf eine diffuse Weise aufeinander zu. Etwas, was nicht näher definiert wird, was aber wie Schuldgefühl und ein unbewußter Verlustkomplex anmutet (in Westberlin wurde B ja auch sein teurer Sportwagen gestohlen), treibt den jungen Mann immer wieder nach Berlin an die Mauer, zwangsläufig, ziellos, in Destillen und Budiken abends gammelnd. Es läßt ihn auch wie von ungefähr in jener Altberliner Kneipe herumhocken, die inzwischen Treffpunkt einer Fluchthelferorganisation geworden ist. Sein planloses Suchen gerät in die Hände der Fachleute. Spezialisten werden gegen Bezahlung besorgen, was seine sittliche Tat sein sollte.

Auf der anderen Seite geht es der D nicht sehr viel anders. Etwas, das wie ein zielloses Suchen nach Offenheit und Weite anmutet, treibt sie seit dem 13. August immer wieder an die Mauer. Die D ist alles andere als eine Gegnerin dieses Staates: eng, beschränkt, gutgläubig macht sie mit, hat sich arrangiert — mit kleinen Privatreservaten, einem eigenen Zimmer in Ostberlin, gelegentlichen S Bahn Besuchen im Westen. Wahrscheinlich wäre sie eine treue Dulderin dieses Staats geblieben, lebenslänglich. Der Mechanismus der Lösung wird auch hier durch die Mauer ausgelöst „Sie hatte unter diesem Staat gelebt wie in einem eigenen Land, im Vertrauen auf offene Zukunft und das Recht, das andere Land zu wählen. Eingesperrt in diesem fühlte sie sich hintergangen, getäuscht, belogen; das Gefühl war Shnhch dem über eine Kränkung, die man nicht erwidern kann, es drückt auf die Kehle, erschwert den Atem kaum merklich, wollte sich ausdrükken " Hintergangen, getäuscht, belogen — das sind Urteile, wie man sie, sehe ich es recht, von Johnson bisher nicht hören konnte. Sie drücken exakt die Existenznot der Betroffenen aus. Ich sehe hier nichts mehr von Johnsons früherer Taktik, sich als Erzähler herauszuhalten. Er selber spricht als Betroffener. Hier wird sehr wohl „Geschichte mit moralischen Vorwürfen bedacht", Vorwürfen, die um so schärfer und schneidender kommen, weil sie das Pfand der Redlichkeit eingesetzt haben. Mit Kaltem Krieg hat das nichts zu tun. In der D hat unser Autor ein höchst engagiertes Porträt politischer Existenz jenseits der Elbe gezeichnet. Kann man die latente Paniksituation drüben kurz vor dem Mauerbau plastischer und prägnanter schildern als mit solchen Sätzen: „Jetzt täglich über eintausend Leute warfen den ostdeutschen Ausweis weg, in der Woche ein Dorf, im Monat eine kleine Stadt, und aller Angst vor der Fremde verengte der D den Hals, als ginge sie heute schon mit"? Der Höhepunkt des Buches liegt zum Ende hin in der Fluchtgeschichte selber. Der Mechanismus der Auslösungsreize ist fugenlos komponiert. Erst die Mauer, dann eine Zimmerdurchsuchung der Polizei, Aufgabe des möblierten Zimmers, Einweisung in den Schwesternflügel, die Flucht einer Kollegin, Ablösung von der privilegierten Privatstation im Krankenhaus, letzte Alpträume: Angst vor dem Westen und vorweggenommenes Heimweh nach dem Osten, schließlich die Verwandlung m eine Touristin aus Österreich, die auf der Durchreise nach Dänemark ist — das alles bereitet sich in einer zwanghaften, unentrinnbaren Weise vor, die an das Geschehen in der antiken Tragödie erinnert und doch so spannend geschrieben ist wie ein guter Kriminalroman. Ich scheue mich nicht zu sagen, daß ich die letzten fünfzig Seiten mit naiver Anteilnahme atemlos gelesen habe. Ist das eine Schande für einen Autor? Für einen Referenten? Diese Geschichte ist schließlich nicht ganz erfunden; sie ereignet sich jeden Tag: „Als ein Zug der Stadtbahn in die Halle einfuhr, lief sie hastig die Treppe herunter, weg von dem Strom der einheimischen Fahrgaste. Sie merkte sich bewegen, sie war aber von sich entfernt. Der Schreck kam in Wellen wieder, druckte aufs Herz. Auf der Straße mußte sie sich anlehnen " Johnson hat hier, wie mir scheint, die erste gültige Flüchtlingsgeschichte der deutschen Nachkriegshteratur geliefert. Man muß das registrieren, auch wenn man dabei den Beifall von der falschen Seite erhalt. Er hat in einer unerhört knappen und dichten Sprache die Existenz der Eingeschlossenen und deren humane Reflexe: die Angst und die Fluchtbewegung porträtiert. Er schrieb einen politischen Roman, ohne auch nur den Jargon der Politik zu streifen. Nicht ein einziges Mal braucht dieser Autor, um die Welt der Eingeschlossenen zu artikulieren, das allerorts strapazierte Wort der Freiheit. Sem Plädoyer ist nicht für den Westen. Es ist gegen die Mauer. So könnte alles gut sein, hätte sich der Autor damit beschieden. Leider tat er es nicht. Er wollte mehr. Er wollte, wie der Titel sagt, „Zwei Ansichten" liefern. Er wollte Mauerbau und Flucht in der Doppelperspektive von Ost und West spiegeln — vielleicht sogar gegeneinander neutralisieren? Dieses Vorhaben ist ihm nicht gelungen. Gemessen an dem vielschichtigen, realitätsgesättigten Bild der ostdeutschen Seite, wirkt die westdeutsche Dependance merkwürdig blaß und flächig. Das soziologische Feld, das in der Figur der D sichtbar wird, gibt eine ganze Welt frei: diese treue, kleinbürgerliche Mißratenheit preußischen „Sozialismus". Das soziologische Feld, das der Norddeutsche B mitbringt, wirkt dagegen ärmlich. Es erinnert eher an ein Klischee aus konkret. Was erfahren wir über uns selbst? Im Wesentlichen immer wieder den gut formulierten Eingangssatz: „Der junge Herr B konnte die Hand auf großes Geld legen und kaufte einen Sportwagen Das Auto, bald durch ein kostbareres ersetzt, wird zum Leitsymbol: sein schlechter Stern auf allen Wegen.

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